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Klaus Werner-Lobo: Verdeckte Recherche

Verdeckte Recherche und die Machenschaften der Weltkonzerne
Von Judith Rocha


Klaus Werner-Lobo ist 1967 in Salzburg geboren und arbeitet in Wien als Politiker bei den Grünen, als Autor und früher auch als freier Journalist. Mit Co-Autor Hans Weiss veröffentlichte er bereits 2001 das erste "Schwarzbuch Markenfirmen" und 2006 "Das neue Schwarzbuch Markenfirmen", worin die Autoren die Machenschaften von mehr als 50 der größten Weltkonzerne aufdecken und auflisten, mit dabei unter anderem McDonald's, adidas, Coca Cola, Nestle und Siemens. Im Zuge der Recherchen arbeitete Werner-Lobo verdeckt und gab sich als afrikanischer Rohstoffhändler aus, um aufzuzeigen, dass die Bayer AG den Krieg im Kongo mitfinanziert. Stefan Meier und Judith Rocha haben sich mit Klaus Werner-Lobo im Museumsquartier Wien getroffen und mit ihm über seine Arbeit gesprochen.


Judith Rocha:
Haben Sie noch andere verdeckte Recherchen unternommen oder nur die für die "Schwarzbuch Markenfirmen", bei dir Sie sich als Rohstoffhändler ausgegeben haben?

Werner-Lobo: Hm...jetzt muss ich nachdenken. Nein, das war das Einzige.

JR: Wie haben Sie sich auf diese verdeckte Recherche als Rohstoffhändler vorbereitet?

WL: In dem Fall sehr gut, es hat auch sehr lang gedauert. Ich bin nachher dann auch in den Kongo gereist und das ist erstens einmal gefährlich, weil es Kriegsgebiet ist und ich hab sehr viel wissen müssen, wovon ich vorher überhaupt nichts gewusst hab. Mir war auch das Material, über das ich recherchiert hab, dieses Tantalum, nicht bekannt. Ich musste relativ genau über die Eigenschaften dieses Materials, sowohl für was das verwendet wird, als auch über das Wirtschaftliche Bescheid wissen, um glaubwürdig zu sein. Ich hab also diesen gesamten internationalen Rohstoffmarkt für Tantalum, sowohl von den Wirtschaftsverbänden, als auch von der wissenschaftlichen Seite her, recherchiert, um darauf vorbereitet zu sein.

JR: Es gab ja auch von den Lesern eine Reihe von Reaktionen auf das "Schwarzbuch Markenfirmen". Welche Reaktionen bekamen Sie speziell auf diese verdeckte Recherche, wie haben die Leser auf diese Methode reagiert?

WL: Das hat schon die stärksten Reaktionen von allen meinen Recherchen ausgelöst. Es war ein bisschen ein leicht ungläubiges Erstaunen darüber, wie leicht es eigentlich geht eine verdeckte Recherche zu machen. Es hat fünf Minuten gedauert in eine andere Rolle zu schlüpfen. Ich hab mich natürlich länger vorbereitet, aber das eigentliche 'in die Rolle eines korrupten Rohstoffhändler schlüpfen' dauert fünf Minuten. So lange dauert es sich eine gefälschte E-Mailadresse zuzulegen. Man könnte in fünf Minuten Papst sein oder Präsident der Vereinigten Staaten, in dem man sich die Adresse barackobama@hotmail.com oder benediktXV@gmx.net zulegt. Wenn die Adressen frei sind, dauert es fünf Minuten und das hat Erstauen ausgelöst. Ich finde es ja auch deshalb so erstaunlich, dass so wenig Leute verdeckt recherchieren.

JR: Waren denn diese Reaktionen eher positiver oder negativer Natur?

WL: Zu mir eher positiv, zu den Konzernen negativ.

JR: Wie haben die Reaktionen der Leser ihre Arbeit beeinflusst? Haben Sie sie eher bestärkt weiter so zu arbeiten?

WL: Beim Lesen sehe ich die Leute ja nicht, insofern gibt es da wenig Reaktionen. Ich kriege die Reaktionen aber anders sehr stark mit, da ich ,seit das erste "Schwarzbuch Markenfirmen" erschienen ist, also seit zehn Jahren, Vorträge über meine Bücher halte. Ich hab sehr viel Vorträge vor Jugendlichen gemacht, in Schulen und so. Als ich gemerkt hab, dass sie total interessiert sind , hat mich das ziemlich bestärkt noch mehr in Richtung Verständlichkeit zu arbeiten. Das letzte Buch "Uns gehört die Welt" hab ich versucht in einer Sprache zu schreiben, die auch von 11-, 12-, 13-Jährigen verstanden wird.

JR: Wie wichtig war Ihnen die Meinung anderer Journalisten? Beim "Schwarzbuch Markenfirmen" steht z.B. hinten ein Kommentar von Günter Wallraff drauf, der selbst durch seine verdeckten Recherchen bekannt wurde.

WL: Naja, ich hab Günter Wallraff selbst als Jugendlicher gelesen. Insofern kannte ich, dass es grundsätzlich möglich ist verdeckt zu recherchieren und in dem Zusammenhang, wie viele andere, die Bücher Günter Wallraffs. Günter Wallraff ist ja tatsächlich in eine Rolle geschlüpft, er hat sich verkleidet und einen Bart aufgeklebt und Dokumente gefälscht und was weiß ich. Ich bin ja nur virtuell in eine andere Rolle geschlüpft. Also die virtuelle verdeckte Recherche hab ich von niemand anderem gekannt. Ich werde es nicht erfunden haben, das wird schon jemand anderes gemacht haben, aber ich kannte es nicht, insofern war ich auch unbeeinflusst.

JR: Aber ist einem die Meinung anderer Journalisten nicht doch irgendwie wichtig?

WL: Mir ist die Meinung von allen kompetenten Leuten wichtig, ob das jetzt Journalisten oder Journalistinnen sind oder Freunde, Freundinnen oder auch die von Jugendlichen. Natürlich ist mir die Meinung von Leuten, die eine ehrliche Kritik oder Anerkennung abgeben, wichtig.

JR: Welche Reaktionen bekamen Sie denn von anderen Journalisten?

WL: Ja gut, also im "Schwarzbuch Markenfirmen" sind ja sehr viele Recherchen drin und die anderen sind nicht verdeckt, sondern ganz normal recherchiert. Aber die Geschichte, die ich verdeckt recherchiert hab, ist mit Abstand am meisten zitiert worden in Rezensionen des Buches. Ich bin dann auch auf eine Tagung vom 'Netzwerk Recherche eingeladen worden, das ist diese deutsche Journalisten-Vereinigung, die den investigativen Journalismus und verdeckte Recherche hochhält, das war sehr sehr interessant für mich. Da hab ich auch viele Leute kennengelernt, die in Deutschland, Österreich oder auch in der Schweiz verdeckt recherchieren, sehr spannend. Zum Beispiel ein Journalist, der sich als Nazi ausgibt, um auf diese ganzen Neonazi-Feste zu gehen, was richtig Hardcore ist.

JR: Haben Sie vor in Zukunft noch verdeckt zu recherchieren?

WL: Ich mach gerade eine verdeckte Dauerrecherche, ich bin Politiker. Vielleicht ist das alles nur verdeckt, ich bin ja Landtagsabgeordneter in Wien, es ist quasi eine fünfjährige verdeckte Recherche. (lacht)

JR: Aber so etwas in der Art, wie Sie es schon gemacht haben, also als Recherche für ein Buch oder einen Artikel - so etwas ist nicht in Planung?

WL: Ich stell das jetzt mal als Drohung hin für meine Kollegen und Kolleginnen, dass wenn ich irgendwann mal ausscheide aus der Politik, ein Buch drüber schreibe. (lacht)

JR: Haben Sie denn von Lesern gehört, die nach dem Lesen des "Schwarzbuch Markenfirmen" ihr Kaufverhalten wirklich geändert haben? Die wirklich bei bestimmten Firmen nicht mehr einkaufen?

WL: Ja ja, bis hin zur Charlotte Roche. Die sagt, sie kauft mal gar nichts mehr von denen. Ich hab sie auf der Frankfurter Buchmesse getroffen und hab ihr das Buch in die Hand gedrückt. Zwei Wochen später ruft sie mich an und sagt, dass das Buch hat ihr Leben völlig verändert, alles umgekrempelt hat usw.. Ja, es sagen schon viele, dass es ihr Kaufverhalten verändert hat.

JR: Ich war auch echt erstaunt, in dem Moment hab ich mich sogar ein bisschen schlecht gefühlt, weil ich Schuhe von Deichmann habe und einen Mantel von H&M an hatte usw. und alle diese Firmen sind dort aufgelistet. Wie leben Sie denn? Haben Sie sich völlig verändert? Boykottieren Sie diese Konzerne auch?

WL: Ich bin schon immer so gut wie nie zu McDonalds gegangen, ich hab immer schon Lebensmittel nach ökologischen Kriterien gekauft. Dinge, die bei uns nicht wachsen, hab ich als Fair Trade gekauft. Ich hab so regional wie möglich konsumiert, das hab ich immer schon.
Ich bin oder war aber selbst bei mindestens 30% der Firmen, die ich erwähne, Kunde. Sportschuhe gibt es z.B. nicht aus dem Fairen Handel, Laufschuhe oder so, das gibt's nicht aus Fair Trade. Auch Handys gibt es nicht aus dem Fairen Handel, es ist in jedem Handy dieses Tantal drin, dass mutmaßlich aus dem Kongo kommt. Sobald man in dieser kapitalistischen Welt lebt, ist man Teil davon, ob man will oder nicht. Ich finde es eigentlich wichtiger es auf politischer Ebene zu bekämpfen. Ich finde bewussten Konsum schon auch wichtig, ist auch gut für das eigene Karma, aber die wesentlichen Schalthebel und Veränderungen geschehen auf der politischen Ebene, nicht auf der Konsumentenebene. Es muss die Politik Gesetze machen, die es uns als Konsument überhaupt möglich macht. Der gesamte Handel müsste ein solidarischer Handel sein.

Stefan Meier: Ist das heute überhaupt noch möglich, da irgendwie auszubrechen? Auf politischer Ebene, mit Gesetzen? Weil die europäische Kommission bestimmt ja schon ziemlich viel.

WL: Das ist ja auch die politische Ebene.

SM: Ja, nur hab ich mal gehört, dass man die gar nicht wirklich wählen kann. Dass es nur eine Scheindemokratie ist.

WL: Das stimmt, die EU-Kommission wird ja nicht direkt gewählt, deshalb besteht die politische Ebene ja auch darin, transnationale Institutionen wie die Europäische Union zu demokratisieren.

SM: Ich hab gehört, da gibt es die Pharma-, Öl- und so weiter -Lobbys...

WL: Ja, voll die Lobbys, alle Lobbys... wie das läuft haben wir ja gerade wieder am Beispiel des ehemaligen österreichischen EU-Abgeordneten Strasser erlebt, der sich sogar von den Lobbys mit 100.000 € dafür hat bezahlen lassen, dass er die Gesetze so oder so stimmt. Aber das ist ja alles die politische Ebene, die ist ja nicht nur nationalstaatlich bzw. sie ist in zunehmenden Maße transnational. Da geht es darum auf allen Ebenen darum zu kämpfen. Die politische Ebene ist ja nicht, dass man Berufspolitiker werden muss, dafür hab ich mich selber erst vor einem Jahr entschieden. Sondern jeder ist Politiker und Politikerin sobald er/sie sich dafür entscheidet die Gesellschaft mitzugestalten.

JR: Was nimmt den den größeren Stellenwert in ihrem Leben ein? Der Beruf als Autor, der Politiker oder vermischt es sich ganz einfach?

WL: Jetzt bin ich so gut wie gar nicht mehr Autor, außer auf meinem Webblog, aber ist meine Identität schon sehr geprägt, dadurch dass ich 20 Jahre professionell geschrieben habe. Ich bin Politiker im gesellschaftlichen Aktivismus seit ich 11 Jahre alt bin. Ich hab mit 11 mein erstes Deutschreferat über Atomkraft in Österreich gehalten. Ich hab das noch nie so getrennt. Ich hab das große Glück mein Interesse immer zum Beruf gemacht zu haben.

JR: Was glauben Sie denn was Journalisten mitbringen müssen um verdeckt zu recherchieren? Welche Mittel oder Charaktereigenschaften? So etwas kann ja sicherlich nicht jeder machen...

WL:
Es geht im Wesentlichen um zwei Dinge: Es geht um Haltung und um Kompetenz. Man braucht eine ethische Grundhaltung, Handlungsmaximen. Man muss einfach grundsätzliche ethische Fragen klären, zu denen man und die man verteidigt. Und es braucht Kompetenz. Für Journalisten und Journalistinnen heißt das, dass man sich aktiv auf die Suche nach Geschichten begeben und zuhören muss. Die Bereitschaft haben muss kritische Fragen zu stellen und sich ein Sachwissen anzueignen.

JR: Gibt es bei Ihnen ethische oder persönliche Grenzen, also Dinge, die sie niemals machen würden?

WL: Ja, jede Menge. Das ist ja diese Grundhaltung. Ich würde niemals was machen, was meiner Grundhaltung widerspricht, also sprich alles was auch nur in die Nähe von Korruption oder Sexismus, Rassismus, Homophobie, Ausbeutung kommt. Das heißt aber auch als Journalist die Ausbeutung von InformantInnen oder das Bloßstellen von Menschen. Das inkludiert auch das persönliche Bloßstellen der persönlichen Integrität des politischen Gegners. Ich hab auch nie Personen oder politische Gegner, seien es Konzerne oder die Rechten oder so, als Menschen bloßgestellt, sondern immer nur auf der politischen Seite.

JR: Welche Reaktionen kamen denn von den Konzernen, die sie in ihrem Buch ("Schwarzbuch Markenfirmen") erwähnt haben?

WL: Die meisten haben gar nicht reagiert, weil sie durch jede Reaktion darauf, aus ihrer Sicht, nur die Aufmerksamkeit auf die Verbrechen, die sie begehen, erhöhen. Die meisten haben dann reagiert, als sie mussten, weil sie durch große Medien danach gefragt wurden. Ein paar Wenige haben sich bei mir gemeldet. Da meldet sich dann der CSR- Verantwortliche, also der Verantwortliche für Corporate-Social-Responsibility und sagt irgendwie, dass sie eh Gutes tun wollen usw. Dann habe ich mich mit ein paar von denen auch getroffen und ihnen gesagt, was mir einfällt dazu. Aber ab dem Punkt, an dem sie merken, dass konsequentes Handeln die Profite mindern würde, verlieren sie das Interesse. Das ist leider so. Bei großen Konzernen entstehen die Profite ausschließlich aus Ausbeutung.

JR: Durch die Aufdeckung dessen haben Sie also nichts in den Konzernen verändert?

WL: Ein Konzernchef, das sind ja größtenteils Aktiengesellschaften, darf das gar nicht. Laut Aktienrecht ist er dazu verpflichtet die Rendite zu maximieren. Und Rendite in diesen Größenordnungen wie sie von den Investmentfonds verlangt werden, lassen sich nur durch Ausbeutung maximieren. Ich hab das auch nie erwartet. Es gibt kleine Änderungen, z.B. den sogenannten Konfliktkosten, das ist eine betriebswirtschaftliche Einheit. Wenn ich ein Buch schreibe, dann entsteht den Konzernen ein Imageschaden, der lässt sich betriebswirtschaftlich messen und wenn dieser Imageschaden eine gewisse Größe erreicht hat, dann kann der Konzern sagen 'Jetzt müssen wir da oder dort was tun'. Das bewegt sich aber immer nur im Rahmen dessen, was eine Imageverbesserung ist. Aber was sich durch mich und die vielen vielen anderen Menschen, die zivilgesellschaftlich aktiv sind oder die kritischen Journalisten und Journalistinnen schon ändert, ist eine gesellschaftliche Sensibilität. Weshalb es schon einige bessere Gesetze gibt oder nicht die Verschlechterung von Gesetzen, die es gäbe, wenn wir nicht aktiv wären.

erschienen auf DENKFABRIKAT.NET

Klaus Werner-Lobo liest am 26. Juli beim poolbar-Festival.
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