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Scott Matthew im Radiokulturhaus

In A Heart, Dark And Beautiful
von Christian Stiegler. Erschienen auf fm4.orf.at

Scott Matthew lässt bei einer ergreifenden FM4 Radio Session tief in sein Herz blicken.

"Weit, weit von hier liegt eine Insel. Auf der Insel steht eine Kirche. In der Kirche ist ein Brunnen. In dem Brunnen schwimmt eine Ente. In der Ente ist ein Ei. Und in dem Ei - da ist mein Herz." (Der herzlose Riese, Märchen)

Ein Herz ist zerbrechlich wie in Ei. Das gilt auch für herzlose Riesen, die ihres weit weg auf einer fernen Insel verstecken, um unantastbar und unverletzlich zu sein. Gelingt es allerdings jemandem, das Ei zu finden und es mit bloßer Hand zu zerquetschen, dann spürt auch der Riese den gewaltigen Stich mitten in seiner Brust, fällt zu Boden und stirbt. Ein Grund, warum sich auch viele Menschen emotional von ihrer Außenwelt abschotten und ihr Herz vor anderen verbergen. Es gibt so viele Inseln, man glaubt es kaum. Who needs a heart, when a heart can be broken?

Einer, der im Gegensatz dazu sein zerbrechliches Herz auf einem Silbertablett vor sich her trägt, ist der Australier Scott Matthew. Und bei einer besonderen FM4 Radio Session hatten ein paar Auserwählte das Glück, sich vom Herz des Songwriters berühren zu lassen.

Scott Matthew
Locked Inside A Heart-Shaped Box

Eine Herzensangelegenheit ist auch der Anlass dieser akustischen Session, für die Scott Matthew mit Bandkollegen Eugene Lemcio und Sam Taylor extra nach Wien gekommen ist: das neue, dritte Album des Schmerzensbarden, betitelt "Gallantry's Favorite Son", wird vorgestellt. Zum ersten Mal vor Publikum, ein Hauch von Nervosität liegt in der Luft. Zu spüren auch in den ersten Minuten vor dem Konzert, in denen das Publikum fast ehrfürchtig still auf das sorgfältig angerichtete Set-Up blickt: rote Gitarre, Klavier, Cello und natürlich Ukulele. Die stille Andacht verflüchtigt sich auch nicht, als die drei Herren zum Opener "Black Bird" ansetzen. Die Ernsthaftigkeit der Melancholie mahnt zum Schweigen, keiner will den Künstler aus der Ruhe bringen. Während Matthew die Zeilen "I don't want to learn to fly" singt, schweifen manche Blicke auf die Seitenwand des großen Sendesaals: Matthews rote Gitarre reflektiert dank des Lichtes ein Kaleidoskop an Regenbogenfarben an die Wand.


Das Lichtschauspiel ergänzt einen düsteren Opener, der von einem kleinen, schwarzen Vogel erzählt, der sich in seinem Nest versteckt, nicht fliegen will, Angst hat vor einer Welt voller Hurrikans. Die einzige Lösung sieht der kleine Vogel im Abtrennen seiner Flügel: Wer nicht fliegen kann, kann auch nicht abstürzen. Nicht nur diese Passage erinnert an den herzlosen Riesen, viele Songs von Matthew sind ein tiefer Blick in die Verletzlichkeit der Seele. Sie handeln von der Angst vor Zurückweisung, der Sehnsucht nach Nähe, dem Wunsch nach Liebe. Das dürfte sich auch am neuen Album nicht ändern, trägt es doch den Lieblingssohn im Titel, was beinhaltet, dass es mindestens einen weiteren Sohn geben muss, dem die Zuneigung verwehrt bleibt. Auch der zweite Song "True Sting" erzählt von der Einsamkeit: "Now I am left alone/You ain't coming home/So it's goodbye." Solche Zeilen schreien nach Streichern, nach musikalischem Balsam und den liefert diese akustische Reise, Taylor wechselt gekonnt zwischen Gitarre und Cello und Bassist Lemcio ergänzt Matthews verträumtes Ukulele-Zupfen mit liebevollen Pianotupfern.


Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird es Zeit für ein paar Oldies, bevorzugt von Scott Matthews epochalem zweiten Werk "There Is An Ocean That Divides And With My Longing I Can Charge It With A Voltage That's So Violent To Cross It Could Mean Death". "Community" kommt schon beschwingter daher, zum ersten Mal blinzelt der Scherzbold durch den dichten Bart. In Sekundenbruchteilen wechselt Matthew vom verzerrten Gesicht zum gelösten Lächeln und freut sich innerlich wie ein kleiner Troubadour. Noch ist die Zeit zum Scherzen jedoch nicht gekommen, "Abandoned" steht am Programm und der Frontmann, der keiner sein will, starrt beim Falsett-Tanz mit glasigen Augen in die Distanz, zerdrückt und zerknittert sein T-Shirt beim Singen mit den Händen wie ein schüchterner Chorknabe vor seinem ersten Solo bei "Ave Maria". Man möchte ihn am liebsten umarmen und drücken, aber noch muss er den Weg allein gehen.

Scott Matthew bei der FM4 Radio Session
Das Besondere an Scott Matthew ist seine Glaubwürdigkeit. Im Laufe seiner Karriere wurde er schon mit einigen Beschreibungen gestraft - von der Dramaqueen zum rauschebärtigen Exzentriker - und vielleicht ist er manches davon auch, aber heute Abend präsentiert sich Matthew nicht nur als Seelenpein-Exorzist, sondern vor allem als witziger Charmeur, der seinen persönlichen und tiefgründigen Songs immer wieder eine skurrile Note abgewinnen kann. "Little Bird" sei ein Liebeslied, für alle Liebenden und auch all jene, die nicht lieben, also dann eigentlich eh für jeden. Der Song "Duet", den Matthew passend mit Sam Taylor im Duett vorträgt, heiße eben so, weil zwei ihn singen. Keine Spur von tiefgründig. Und das sonnendurchflutete "Felicity" sei nach seiner Mutter benannt, weil die ihn an ihrem Geburtstag genötigt habe, einen Song für sie zu schreiben. So erklären sich auch bedeutungsschwangere Textzeilen wie "Felicity, happy birthday". Trotz der Happy-Peppy-Attitüde hat Mama dann doch geweint, beim Sohnemann sind eben auch Glückwünsche irgendwie zum Heulen.



A Heart That's Full Up Like A Landfill

Den Wechsel zwischen Scherzbold und Berufsmelancholiker beherrscht Matthew im Laufe des Abends ähnlich gut, wie seine Songauswahl. Neue Stücke harmonieren mit alten hervorragend, besonders "Seedling", "Sweet Kiss In The Afterlife", "Buried Alive", "No Place Called Hell" und "The Wonder Of Falling In Love" sind großartige kleine Perlen, die einen mit einem Lächeln durch das Tränental führen. Immer wieder hat man den Eindruck, Matthew gibt von sich selbst so viel, dass er nicht weiß, ob es genug ist. Seine Unsicherheit ist nicht nur am Zerknittern seines Shirts zu bemerken, sondern auch daran, dass er sich immer wieder durch die Haare fährt, die zersausten, mächtigen Stirnfransen glättet und einige Male sogar in die Höhe stellt. Was dieser Mann mit seinem Haarschopf anstellt, ist schon ein Stück kurios, aber gehört mit zu seinem Seelenstrip.

Mit "Friends And Foes", dem Abschluss seines zweiten Albums, scheint auch dieser Abend beendet zu sein, Scott Matthew umarmt seine beiden Bandkollegen herzlich und innig. Aber Gottseidank lässt er sich noch einmal bitten, ein gutes Set müsse man schließlich mit Coverversionen abschließen. Denn nur dann käme man auch bei Nicht-Gefallen gut weg, die Songs seien ja nicht von einem selbst. Das neue Album scheint an manchen Stellen stark von Burt Bacharach beeinflusst, daher ist es nur stimmig, wenn Bacharachs "This Guy's In Love With You" als wunderschöne Klavierballade den Anfang macht. Eine gute Gelegenheit den oft vergessenen Bacharach wieder in Erinnerung zu rufen. Die folgende Coverversion kennt im Gegenzug vermutlich jeder im Raum, Radiohead werden bedient und irgendwie ist es im Rahmen dieses Abends nicht verwunderlich, dass "No Surprises" gewählt wird. Ein mutiger Schritt, ich zucke ein wenig zusammen, bei der Nummer kann man soviel falsch machen. Aber Matthew macht hier auch vieles richtig, anders als das Original präsentiert er seine eigene Version als stilles Wehklagen, als inneren Monolog über den ewigen Wunsch nach Sicherheit und Wärme.

Tattoo am Unterarm von Scott MatthewScott Matthew und Sam Taylor

Ein Zuschauer ruft dem Barden "White Horse" entgegen, der errötet sichtlich aufgrund der Anfrage, spricht sich kurz mit den Kollegen ab, zupft an der Ukulele rum und stellt verstört fest, dass er keine Ahnung hat, wie der Song geht: "I never said I am a musician, I just make shit up and forget it again." Irgendwie klappt es dann doch, das vielleicht schönste Stück, das der Meister zu bieten hat, findet nun, wenn auch ungeplant, seinen berechtigten Platz im Set. Aber die Nummer ist harter Tobak, handelt sie doch von einem weißen Pferd, das in einem Herzen gefangen ist und für seine Freiheit sogar den Besitzer des Herzens töten würde. Keine Message, mit der man einen solchen Abend beendet, daher muss wieder ein Cover ran: der große Neil Young wird gebeten, "Harvest Moon". "We could dream this night away" heißt es darin, das ist schon besser.

Scott Matthew bei der Radio Session

Am Ende bleiben wir mit unseren einsamen Herzen zurück. An einer Stelle scherzt Scott Matthew, dass er sich heute immer noch mit leeren Phrasen einreden würde, dass er ein schöner Mensch sei. Und das immer noch erfolglos. Einer wie Scott Matthew braucht uns, damit er weiß, dass er sich in dieser Hinsicht irrt. Und wir brauchen einen wie ihn, um uns daran zu erinnern, dass man Herzen nicht auf fernen Inseln verstecken kann.

Alle Fotos von Pamela Rußmann


Scott Matthew wird unterstützt von Sir Tralala am 4. August beim poolbar-Festival zu sehen sein!

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