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Egotronic beim springfestival

Wir sind zärtliche Chaoten, alle miteinander. Drei nette Kerle, denen in fetten gelben Buchstaben "AUDIOLITH" auf die schwarzen T-Shirts geschrieben steht, die schmalen Hosen sind mittelrosa oder hellblau, warten in der Bierschlange und sagen Dinge wie: "Derbe, derbe wird das heute." Sie sagen es im Dialekt, mit steirischem Akzent und "derbe" sagen sie in Anführungszeichen. Es ist ja alles gar nicht so grell und krass. Das Eröffnungskonzert des diesjährigen Springfestivals in Graz findet erstmals in der Helmut-List-Halle statt und kommt mit einem komplett stimmig zusammenkuratierten Line-Up um die Ecke, das zu großen Teilen im Zeichen jener Musik steht, zu der man in den letzten vier, fünf Jahren "Elektro oder so irgendwie" gesagt hat. Billig-Beat, Glowstick, Kappe schief auf.

Heute schauen die französischen Schabernack-House-Boys von Noze, das New Yorker Duo French Horn Rebellion u.a. im FM4-Studio in der Festival-Zentrale beim ppc vorbei. Besuch erwünscht! Mehr zum Programm im FM4-Studio hier.

EgotronicEgotronicEgotronic

Angesichts dieses ersten Abends, des wunderbaren Stilmixes im Publikum, des herrlich groß dimensionierten Foyers der Halle, das mit Raucherlaubnis und Stehtischchen die Aura eines stilvollen Feuerwehrfests versprüht, und der herzlichen Aufgekratzheit, die den ganzen Raum durchzieht, sollen die Minimal-Spießer sich erst mal locker machen. So schlecht und stumpf ist das nämlich alles gar nicht, überhaupt nicht nämlich, was da unter den Vorzeichen von Indie-Ballermann, dicken Slogans und Krawall von wohl erzogenen Menschen in den Saal gepumpt wird. Das Hamburger Label Audiolith, das Antifa, elektronische Druckbetankung und Konfetti gut unter den goldenen Party-Hut bringt, ist mit zwei Acts angefahren, Egotronic und Frittenbude, die - man hat schon davon gehört - immer für eine schöne Feierei mit doppeltem Boden und zwei Falltüren zu haben sind.

Davor aber bleibt die - schon eh auch sehr nette - österreichische Band Neodisco im ähnlich neonfarbenen Koordinatensystem - vielleicht einen Touch stärker Richtung "Indie" denn gen "Techno" gebogen - an der Oberfläche und kommt nicht darüber hinaus die vorgegebenen musikalischen Zeichen relativ gut zu imitieren. Die Band heißt Neodisco, na gut.
Die beiden sehr feinen Auftritte von Egotronic und Frittenbude sind überraschend nuancenreich. Politische Agenda wird da durch die Hintertür der völligen Plaktivität ins Hedonismus-Hirn gezwungen und keiner hat's gemerkt. Was macht eigentlich die Band Das Bierbeben gerade? Großartig ist das Stück "Bilder mit Katze" von Frittenbude. Ein Geniestreich in Branding und Eigenmarketing, die in ein Liebeslied gemogelte Vorgaukelung, dass durch die differenzierende Kraft der Musik noch Beziehungen, Geheimbünde und "Wir Gegen Die!"-Jugendkulturen entstehen können:

"Du kaufst der Frau, die du liebst,
ein Shirt von Audiolith,
das sie auch laufend anzieht,
weil es da draußen nichts gibt
wie dieses Shirt von Audiolith
mit den schönen großen Buchstaben"

Das alles ist viel besser als Deichkind.

Zudem sind die guten Menschen von Audiolith große Entertainer. Über die befreundete Schweizer Band Saalschutz sagen Egotronic: "Die DJ Bobos der Schweiz" und Frittenbude wissen, wie man das Publikum anstachelt: "Hey Leute, habt ihr nicht mehr Mittelfinger gegen Deutschland?" Harte Slogans für harte Zeiten. Man muss sich jetzt vielleicht nicht gleich die CD kaufen, T-Shirt reicht.

Den Slogan "Raven gegen Deutschland" haben Egotronic mit Sicherheit aus den frühen Tagebüchern von Atari Teenage Riot stibitzt. Atari Teenage Riot. Fucking Atari Teenage Riot. Ewig waren sie weg und keine Sekunde ist vergangen. Im Juni erscheint das erste Studioalbum der Task Force Atari Teenage Riot seit über zehn Jahren, der Sound des Trios taucht die Bühne von nun an in Schwarz-Weiß. Schwarz wie Peitsche, Weiß wie Folter. Nic Endo, MC CX Kidtronik und Alec Empire schicken Rave, Thrash-Metal-Samples, 2 Takte Jungle und Gebell in eine böse Welt, heute mit da und dort vergleichsweise nahe an den Türen zu Pop schrammenden Untertönen. Atari Teenage Riot Pop. Eine geil durchs Gebein eisende akustische Zerlegung der Halle. Morgen gehen wir mit Kreissäge in die Disco. Wenn es nicht Liebe ist, dann ist es die Bombe.

Text von Philipp L'Heritier. Die gesamte Rückschau gibt es hier bei FM4 nachzulesen.

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