Poolbar Blog

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Herwig Bauer und Heike Kaufmann im Interview

Das poolbar-Festival geht heuer in die 18. Runde, letztes Jahr gab es einen neuen Besucherrekord mit mehr als 20.000 Besuchern. Eine totale Erfolgsgeschichte, würde man meinen, nur die Feldkircher Stadtpolitiker scheinen das noch nicht mitbekommen zu haben. Oder gibt's heuer endlich die baulichen und infrastrukturellen Verbesserungen, die schon seit Jahren gefordert werden? Wie schaut's denn aus in Sachen Be- und Entlüftung, sanitäre Einrichtungen etc.?

Herwig Bauer: Das Alte Hallenbad wurde nur sicherheitstechnisch auf den aktuellen Stand gebracht, d.h. der Zugang zu einem Notausgang im pool wurde optimiert, Beschläge erneuert. Ansonsten sind mir keine baulichen oder infrastrukturellen Verbesserungen für heuer bekannt.
Auch aus diesem Grund haben wir Ende 2010 eine „Nutzervereinigung" gegründet und im Februar BM Berchtold unsere Ansprüche und Wünsche übermittelt. Es geht darum, die Kräfte aller HallenbadnutzerInnen zu bündeln und fokussieren zu können. Wir wollten nicht mehr solche Sätze hören wie: „Aber das wollt ja nur ihr - die Anderen brauchen das nicht" oder „Diese Probleme habt nur ihr"...Die NutzerInnen treten nun mit einer Stimme auf und sind sich sehr einig in ihren Forderungen. Auch die Solidarität innerhalb der Gruppe ist erfreulich: Es wurde klar definiert, dass z.B. ein Projekttheater oder ein Walk Tanztheater immer im Hallenbad Platz haben sollen, auch wenn dadurch andere - lukrativere - Veranstaltungen eine Zeitlang kürzer treten müssen. Und es wurde auch klar gesagt, dass die Gemeinschaft Maßnahmen will, die v.a. dem poolbar-Festival im Sommer nützen (Lüftung/Kühlung, mindestens die bisher zulässigen Besucherzahlen) - einfach weil das poolbar-Festival imageprägend für das Gebäude ist.
Die Interessensgemeinschaft definierte als wichtigste, dringendste gemeinsame Anliegen infrastrukturelle Verbesserungen (eine Kühlanlage, die Installation bühnen- und gastrotechnischer Anlagen, akustische Verbesserungen), Reformen in der Verwaltung und schließlich eine Optimierung der recht restriktiven Nutzungsbedingungen. Der Bürgermeister verspricht im aktuellen poolbar-Magazin: „Der Beirat wird nun an seine Arbeit gehen."


Probleme gab's auch hinsichtlich der baupolizeilichen bzw. sicherheitstechnischen Vorschriften. Wie konnten die gelöst werden? Kann die poolbar heuer im gewohnten Rahmen über die Bühnen gehen?
Herwig Bauer: Wir glauben und hoffen, dass der Rahmen 2011 der gewohnte sein kann, haben aber noch keinen offiziellen Bescheid. Eine Ladetüre im Obergeschoß werden wir zum Notausgang aufwerten - die Beschläge finanzierte die Stadt Feldkirch, die Kosten für die Treppe (EUR 4.000.-) mussten vorerst wir übernehmen, wir werden aber selbstverständlich bei der Stadt eine Rückerstattung beantragen.


Eine Reduzierung der maximalen Besucherzahlen wäre für Euch aus finanzieller Sicht wohl kaum zu verkraften?

Herwig Bauer: Dann gäbe es 2012 kein poolbar-Festival in Feldkirch.


Der Programmschwerpunkt liegt wie immer auf der Musik, allerdings mit einem sehr breiten Spektrum. Wie läuft denn bei Euch die Programmierung, macht das ein Team von Leuten mit sehr unterschiedlich ausgeprägten musikalischen Interessen?

Heike Kaufmann: Jeder, der bereits veranstaltet hat bzw. dies regelmäßig tut, weiß, dass der Weg bis zum fertig publizierten Programm kein einfacher ist. Im Fall des poolbar-Festivals gilt es mehr als 40 Veranstaltungstage in Folge und meistens auch mehrere Floors bzw. Orte parallel und qualitativ hochwertig zu bespielen. Die Programmierung ist ein dementsprechend monatelanger Prozess, der einhergeht mit regelmäßigen internen inhaltlichen Diskussionen und einem Ausstrecken der Fühler in alle Richtungen, bis wir mit dem Gesamtergebnis zufrieden sind - also ausreichend zugkräftige Headliner beisammen, eine umfassende Bandbreite an Musikstilen berücksichtigt, interessante Newcomer und Geheimtipps ausgeforscht sowie auch nicht-musikalische Programmsparten und Kooperationen eingebaut haben und die einzelnen Veranstaltungstage gut durchchoreografiert sind.
In diesem Verlauf hat es sich bewährt, regelmäßig mit poolbar-affinen Menschen mit möglichst unterschiedlichem Musikgeschmack zu konferieren. Das Bookingteam im eigentlichen Sinn ist jedoch bewusst klein gehalten - erstens, um den Abstimmungsaufwand überschaubar zu halten, und zweitens basiert die Booking-Arbeit immer auf Vertrauen und guten, langjährigen Kontakten zu Band-ManagerInnen, Agenturen und anderen (inter-)nationalen FestivalveranstalterInnen. Mit letzteren arbeiten wir etwa zusammen, um gemeinsam Acts günstiger zu buchen.
Darüber hinaus werden bestimmte Komponenten des poolbar-Programms wie die Kunstprojekte, pooltanz-Workshops oder die (Kurz-)Filmschienen bewusst „ausgelagert" - sie entstehen in intensiver Kooperation mit renommierten Institutionen aus ganz Österreich.


Die Headliner sind klar: Macy Gray, Kosheen, dEUS, mittlerweile wohl auch Portugal. The Man, nachdem sie die poolbar ja schon zweimal zum Brodeln gebracht haben. Dann gibt's ein paar gerade sehr aktuelle Acts wir Hercules And Love Affair, Wolfram, Santigold, Get Well Soon. Was sind denn Eure ganz speziellen Geheimtipps für das heurige Festival?
Heike Kaufmann: Ein klassischer Geheimtipp ist sicherlich Cardiochaos, ein vielversprechendes und vielseitiges Musikprojekt zwischen Gitarre, Melancholie und ausufernder Elektronik - auch schon mal als „Radiohead made in Austria" betitelt. Besonders stolz sind wir neben den oben genannten Acts auf das Engagement von Indie-Stars wie OK Go oder Scott Matthew oder des Soul-Erneuerers Aloe Blacc, den seit seinem Hit „I need a Dollar" auch das Charts-Publikum kennt. Auf der elektronischen Schiene sind u.a. Simian Mobile Disco, die Sonic Cubes oder Coma besondere Höhepunkte.
Abseits des Musikprogramms freuen wir uns auf einigen Wortwechsel, etwa mit Klaus Werner-Lobo, der Themen und Thesen aus seinem Bestseller „Uns gehört die Welt!" präsentiert und den etwa der „Spiegel Online" in eine Reihe mit GlobalisierungskritikerInnen wie Jean Ziegler, Michael Moore, Noam Chomsky oder Naomi Klein stellt. Auch bei den sonntäglichen Filmschienen haben wir heuer das Diskussionsprogramm ausgebaut - wir empfehlen die Teilnahme!
Was uns außerdem besonders freut, ist, dass es mit The Sorrow, HMBC oder Matt Boroff mittlerweile Vorarlberger Bands gibt, die auch international zu regelrechten Stars avanciert sind. Alle drei sind heuer in der poolbar zu Gast.


Wie wichtig ist Euch die Einbindung österreichischer und Vorarlberger Acts - mal abgesehen vom HMBC, der derzeit sowieso alle Hallen füllt?

Heike Kaufmann: Die lokale Szene ist uns ein besonderes Anliegen. Einen Tag in der poolbar-Woche haben wir fast immer fix für Vorarlberger Acts reserviert - bei freiem Eintritt. Zudem ermöglichen wir jungen österreichischen und Vorarlberger Bands bzw. KünstlerInnen Support-Shows vor internationalen Szene-Größen und Stars. Dadurch erreichen sie nicht bloß ihre angestammte Fan-Community, sondern darüber hinaus ein größeres Publikum. Neben heimischem Bandnachwuchs finden sich natürlich auch bereits etablierte österreichische Acts im poolbar-Programm, etwa Attwenger, Francis International Airport oder das talentierte, international renommierte Drum'n'Bass-DJ-Duo Camo & Krooked, das zuletzt den FM4 Award beim Amadeus 2010 einheimste.


Bereits Tradition haben auch die Jazzfrühstücke sonntags um 11 Uhr im Park. Ein atmosphärisches Erlebnis, bei dem vorwiegend Jazzer aus der Region zum Zug kommen.
Heike Kaufmann: Die Jazzfrühstücke genießen mittlerweile völlig zu Recht das, was man Kult-Status nennt. Über die Jahre hinweg hat auch ein „seriöseres" Publikum schätzen gelernt, was das poolbar-Festival zu bieten hat. An den Sonntagvormittagen ist das: ein gutes Frühstück in anregender Umgebung, Zeitungen, gute Gesellschaft und musikalisch Anspruchsvolles. Heuer servieren wir übrigens vermehrt Bio-Produkte und lokale Erzeugnisse.
Was uns am Jazzfrühstück besonders freut, ist, dass es zum Treffpunkt aller poolbar-Generationen geworden ist. Viele regelmäßige Gäste und MitarbeiterInnen früherer Jahre genießen gerne gemeinsam mit ihrem Nachwuchs die einzigartige Atmosphäre der Jazzfrühstücke. Apropos Nachwuchs: Heuer unternehmen wir an den Sonntagvormittagen erstmals auch einen zarten Versuch in Sachen Kinderprogramm - die Kleinen und Großen können sich an der Erzeugung von Riesenseifenblasen im Reichenfeldpark versuchen.


Im Film/Talk-Bereich dominieren wie gewohnt die Dokus. Habt Ihr heuer besondere Themenschwerpunkte?
Heike Kaufmann: Nicht wirklich. Der Schwerpunkt ist eher, dass wir mit den Dokus aktuelle Themen aufgreifen und Probleme direkt thematisieren können, die im Musikprogramm wenn, dann meist eher subtil angesprochen werden. Wir zeigen etwa „Die verrückte Welt der Ute Bock", wo im Anschluss auch ein Publikumsgespräch stattfinden wird, oder Kapitalismuskritisches wie „Hühnerwahnsinn" und „Milch, Macht und Märkte", deren übergreifende Themenaspekte dann u.a. mit Attac Österreich-Mitbegründerin Alexandra Strickner diskutiert werden können.
„Es muss was geben" ist eine Doku über die Anfänge der Linzer Musikszene, in der viele Bands zu Wort kommen - etwa Attwenger, Texta, Shy oder Fuckhead -, die über die Jahre immer wieder auch beim poolbar-Festival zu sehen waren. Aber auch bei Spielfilmen erheben wir den Anspruch, nicht bloß Unterhaltsames zu zeigen. Die Komödie „The Kids Are Allright" ist zwar wirklich sehr komisch, thematisiert aber ganz selbstverständlich auch alternative Lebens- und Partnerschaftsmodelle.


Mitte Juli bietet Ihr wieder einen dreitägigen pooltanz-Workshop an. Worum geht's da, für wen ist der gedacht und wie wird er angenommen?
Heike Kaufmann: Das Interesse und die Akzeptanz von pooltanz sind von Jahr zu Jahr größer. Das ist auch deshalb schön zu sehen, weil bei der poolbar ja ursprünglich die Workshop-Idee im Vordergrund stand. Dass wir diese jetzt wieder als integralen Bestandteil verankern konnten, ist also gewissermaßen auch eine Rückbesinnung auf die poolbar-Wurzeln. Organisiert und geleitet von Rebekka Rom bieten wir im Rahmen von pooltanz verschiedene Tanz-Workshops an - Jazz, Modern, Ballett, Musical, HipHop und Dancehall - für Anfänger wie für Fortgeschrittene. Insgesamt ist uns Partizipation enorm wichtig.


Der Theater- und Literaturbereich scheint mir heuer etwas ausgedünnt zu sein, aber mit „Covergirl: Wie Lynndie England dazu kam, das böse Amerika zu verkörpern" habt ihr wenigstens eine topaktuelle Problematik.
Heike Kaufmann: Theater und Literatur sind jedenfalls Teilfacetten des poolbar-Programms, wenngleich heuer definitiv mehr diskutiert wird als gelesen. Dass wir Theater nicht als besonderen Schwerpunkt des poolbar-Festivals erachten, liegt auch daran, dass es in unmittelbarer Nähe des Alten Hallenbads mit dem Theater am Saumarkt eine Institution gibt, die ein sehr anspruchsvolles Jahresprogramm anbietet, mit dem wir bewusst nicht in Konkurrenz treten wollen. (Obwohl es am Saumarkt eine teilweise Sommerpause gibt.) Die poolbar steht für Kooperation. Wir setzen deshalb eher auf Diskussionen, Partizipation, Kabarett und den beliebten Poetry Slam, an dem jeder und jede teilnehmen kann.


Im Vorfeld der poolbar werden jedes Jahr Wettbewerbe zur Architektur, zum Design und zum Style ausgeschrieben. Was wird uns da heuer erwarten?
Herwig Bauer: Mit den Ergebnissen des poolbar architektur Wettbewerbs war die Jury nicht zufrieden - nach den Höchstleistungen der vergangenen Jahre schlug Juryvorsitzender Jesco Hutter (Baumschlager-Hutter Architekten) vor, heuer ein radikales Zeichen mit Symbolkraft zu setzen: keinen Gewinner zu küren und stattdessen Spezialisten zu beauftragen, die nicht „Architektur", sondern reine Lichtgestaltung machen. Wir haben das Wiener Büro „Neon Golden" beauftragt und konnten Zumtobel Lighting als Partner gewinnen. Damit wurden perfekte Voraussetzungen geschaffen - ob das Ergebnis im Sinne Jesco Hutters ausfallen wird, weiß ich nicht. Es ist jedenfalls anders als jede andere bisherige poolbar architektur, es ist spektakulär und wird das Publikum faszinieren.
Die 3 anderen Wettbewerbe brachten allesamt höchst erfreuliche Ergebnisse: 3 spannende Kunstprojekte, 10 wunderbare T-Shirt- und Taschendesigns (heuer auf Biobaumwolle!) und eine von Isabelle Keckeis wunderbar originell gestaltete Fohrenburger „poolbar-Edition".


Das Alte Hallenbad mit seinen zwei Bühnen hat ja eine überschaubare Größe, würde es Euch reizen, einmal ein richtig großes Gelände mit ganz großen Acts zu bespielen, oder ist es genau diese poolbar-Atmosphäre, die Euch besonders wichtig ist?
Herwig Bauer: BesucherInnen und KünstlerInnen wissen die Atmosphäre beim poolbar-Festival sehr zu schätzen: sehr familiär, überschaubar, aber doch in einer Größenordnung, die beeindruckend ist und hohe Euphoriewellen auslösen kann. Eine Spur größer wäre noch möglich und auch reizvoll, aber bei „Megaevents" gehen Charme und Qualität verloren - und der Kontakt zwischen Publikum und KünstlerInnen sowieso.


Seit einigen Jahren fährt das poolbar-Festival sozusagen zweigleisig - im Mai gibt's poolbar-Flair in der Pratersauna in Wien, Juli/August dann in Feldkirch. Welche Überlegungen stecken hinter diesem zweiten Festival? Auf der Hand liegen würde ja, wenn die Festivals gleichzeitig stattfänden und die Künstler für zwei Konzerte vielleicht etwas kostengünstiger engagiert werden könnten?
Herwig Bauer: Die sogenannten „Doublebookings" funktionieren nur in der Theorie. In der Praxis ist die Band, die im Mai zu haben ist, im Sommer nicht mehr zu haben. Die Basis für „poolbar mit pratersauna" in Wien entstand im Jahr 2005, als wir in der Kunsthalle am Karlsplatz erstmals eine poolbar-Festival-Präsentation machten - den Teaser zum poolbar-Festival wollten damals gleich 1.500 Neugierige miterleben. Inzwischen ist aus den Präsentationsabenden ein eigenständiges, höchst erfolgreiches Festival in Wien geworden, und wir finden es nicht schlecht, mehrere Standbeine - und damit mehr Unabhängigkeit - zu haben.


Ihr seid mit einem mehrjährigen Subventionsvertrag ausgestattet, der bald einmal ablaufen wird. Hat sich das bewährt, und wie wird's denn weitergehen? Gibt's bereits neue Gespräche?
Herwig Bauer: Die 5-Jahres-Vereinbarung mit der Stadt Feldkirch läuft heuer aus. Gespräche über eine Verlängerung auf weitere 5 Jahre haben bereits stattgefunden, aber aufgrund der aktuellen Wirtschaftslage konnte bzw. wollte die Stadt Feldkirch keine echte Erhöhung der Förderung anbieten, sondern de facto nur eine nachträgliche Indexanpassung (wir haben 5 Jahre lang immer den exakt selben Betrag erhalten). Da das poolbar-Festival aber in den vergangenen 5 Jahren eine ausgesprochen positive und rasante Entwicklung erfahren hat und die Budgets (und Kosten) entsprechend explodiert sind, haben wir auf eine 5-Jahres-Vereinbarung verzichtet und werden nur für 2012 einen Förderungsantrag stellen. Danach wird wahrscheinlich neu verhandelt - möglicherweise unter besseren gesamtwirtschaftlichen Bedingungen, und vermutlich wird dann auch klarer sein, wie es mit dem Hallenbad weiter gehen wird.

Das Interview führte Peter Füßl und erschien in der Juli/August-Ausgabe der KulturZeitschrift.

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