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Wie asozial ist Schwarzfahren?

Vor vielen Jahren gabs das mal: ein Verein, für den man einen minimalen Mitgliedsbeitrag zahlt. Geld, das - bei entsprechend vielen Mitgliedern - auf einen sehr hohen Betrag anwächst. Hoch genug, um jenen Schwarzfahrern, die erwischt werden, die volle Strafe zu bezahlen. "Sicheres" Schwarzfahren zu einem vetretbaren Preis war das.

Jetzt gibt es was Ähnliches für die weitaus moderner vernetzte Schwarzfahrgemeinschaft. Ganz umsonst, immer noch nicht ganz einwandfrei. Thomas Weber, "The Gap"-Herausgeber, startet den medialen Diskurs:

Ö3ver aus dem Untergrund. Nachzulesen hier oder im Original "The Gap"-Magazin vom August 2011.

Ist die Trittbrettfahrt auf Kosten anderer plötzlich weniger asozial, weil wir uns jetzt vernetzt und vorgewarnt »Schwarzfahrer 2.0« nennen dürfen? Über das systematische Aushöhlen des Prinzips Allgemeinheit durch eine selbsternannte Smartphone-Elite.

30 meiner Facebook-Freunde »gefällt« schwarzkappler.info. Insgesamt sind es zu Redaktionsschluss mehr als 5.000 Personen, die das Service »von Fahrgästen für Fahrgäste« (Selbstbeschreibung) in Anspruch nehmen – und einander über Twitter und Facebook auf dem Laufenden halten, auf welchen der Wiener Linien sie heute ihren Fahrschein auf keinen Fall vergessen sollten. Sie informieren einander darüber, wie sie in Wiens U- und Straßenbahnen Kontrolleuren, sogenannten »Schwarzkapplern«, bestmöglich aus dem Weg gehen und als Schwarzfahrer straffrei bleiben. Kollektive Risikominimierung in Echtzeit und mobiles Web 2.0 wie aus den Lehrbüchern. Vor ein paar Monden hätte manch einer vielleicht sogar begeistert von einer Grassroots-Bewegung gesprochen.

Falsch verstandene Gratiskultur

Nun ist das selbstgestrickte Service zwar effizient und es auch sinnvoll, wenn sich Gleichgesinnte vernetzen. Doch ist die Schwarzfahrer-Community eben keine der Vielfalt und Demokratie zuträgliche Interessensgemeinschaft, sondern bloß ein Zusammenschluss von Egoisten auf Basis einer falsch verstandenen Gratiskultur.

Natürlich kann man sich irgendwie einreden, dass es schon okay ist, Schwarzzufahren. Ich habe das selbst früher nicht anders praktiziert. Womöglich ließe sich sogar ein politischer Anspruch behaupten. Die Wiener Linien sind in Sachen Überwachung schließlich selbst auch nicht zimperlich. 2005 haben sie sogar den »Big Brother Award« für die annähernd lückenlose Kamerabeobachtung ihrer Fahrgäste eingeheimst.

Doch das Selbstverständnis hinter schwarzkappler.info ist letztlich das einer selbsternannten Smartphone-Elite, die sich selbstgefällig über den dummen Rest derer erhebt, die – vielleicht gerne, jedenfalls bereitwillig – zahlen oder sich kein teures Telefon leisten können. Zwar sind 5.000 Nutzer vorerst eine vernachlässigbare Größe, doch da das Service offensichtlich Anklang findet und funktioniert, reicht diese aus für das systematische Aushöhlen des Prinzips Allgemeinheit – auf dem letztlich die in Wien frei zugänglichen U-Bahnstationen basieren. Was ist die Alternative? Fahren zu viele Passagiere schwarz, werden die Wiener Linien – wie das subjektiv gefühlt bereits passiert ist – ihre Kontrollen verstärken oder irgendwann den freien Zugang zum öffentlichen Verkehr überdenken. Vielleicht gleichen Wiens U-Bahnstationen irgendwann denen in London, die wie Außenstellen von Fort Knox aussehen: Bastionen der effizienten Unfreiheit.

Die U-Bahn als Obdachlosen-Lobby

Was anderes wäre es, rein theoretisch, würden Obdachlose durch eine konzertierte Schwarzkappler-Info – etwa unter der Schirmherrschaft der U-Bahnzeitung Augustin – ihren Unmut darüber äußern, dass sie als benachteiligte Bevölkerungsgruppe nicht komplett von kommunalen Transportgebühren befreit sind.

Zwar zitiert DerStandard.at den Gründer des Schwarzfahrer-Service damit, das langfristige Ziel der Aktion wären »Gratis-Öffis beziehungsweise viel billigere Preise«. Das klingt aber mehr nach einem fadenscheinigen Vorwand für asoziales, letztlich verwerfliches Verhalten auf Kosten der Allgemeinheit. Zumal die Schwarzkappler-Info als konstruktiver Protest durch »bewussten Konsum« seltsam inkonsequent und halbherzig ist. Vertretbarer Protest wäre etwa eine komplette Konsumverweigerung. Es dürften also auch Leistungen des kritisierten Systems nicht in Anspruch genommen werden, man müsste zu Fuß gehen, komplett aufs Rad umsteigen oder, wohl nicht im Sinn der Sache, das Auto nehmen.

Den Verdacht, dass es sich bei schwarzkappler.info um eine besonders gefinkelte subversive Affirmation handelt – ultimative Egoisten werden für eine gemeinnützige Kampagne für Gratis-Öffis mit deren eigenen Mitteln geschlagen – entkräften leider meine 30 mutmaßlich schwarzfahrenden Facebook-Freunde. Keiner davon ist ein asoziales Arschloch.


Thomas Weber,
Herausgeber & Jahreskartenbesitzer
weber@thegap.at

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