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Mia. Tacheles

Die Katze auf dem lauwarmen Blechdach: Mia fünftes Album bietet musikalischen Durchschnitt und ist textlich ein Ärgernis.
von Jonas Vogt; erschienen auf thegap.at.

Mia. - Tacheles

Es war einmal eine Stadt. Ein Stadt, die nach jahrzehntelangem erzwungenem Dornröschenschlaf plötzlich in aller Munde war. Eine Stadt, die Entwicklungen wie Gentrifizierung und Haupstadtmieten nur vom Hörensagen kannte. Die Stadt zog Kreative (oder zumindest Leute, die sich dafür hielten) an wie die Motten das Licht. Sie war arm, sexy, schrill und laut. Sie war hysterisch selbstbewusst und musste das ständig herausschreien. Und ging damit allen anderen ziemlich auf die Nerven.

Das alles ist noch nicht mal zehn Jahre her. Ja, heute hat sich der Berlin-Hype ein bisschen gelegt, und irgendwie hat sich jeder mit der einzigen richtigen Metropole im deutschsprachigen Raum arrangiert. Man zieht halt hin oder nicht, beziehungsweise besucht sie halt in regelmäßigen Abständen. Ansonsten ignoriert man sie wohlwollend. Ein „Geh Doch Nach Berlin!" muss heute keiner mehr schreiben, es sei denn man braucht wie Kraftklub dringend mediale Aufmerksamkeit. Es könnte alles so schön sein. Wären da nicht Mia. Mieze Katz und die namenslosen Instrumentaristen um sie herum sind eigentlich ein Anachronismus, ein Relikt der lokalen Masturbationphase, als man Trainingsjacken mit Städtenamen trug und nicht erwachsen werden musste. Und trotz der Tatsache, dass sie heute nicht mehr mit Bärenflaggen auf der Bühne herumhampeln, sind sie eine Verkörperung des Berlins, das man guten Gewissens hassen darf.

Man muss Mia zugute halten, dass sie in den letzten zehn Jahren eine unbestreitbare Entwicklung vom reinen Rotz-Electropop hin zur feineren Klinge durchgemacht haben. Das hat bespielsweise bei „Tanz Der Moleküle" sehr gut funktioniert, und klappt auch auf Tacheles bei dem ein oder anderen Song („Das Haus", „La Boum"). Mia besitzen innerhalb ihres Soundentwurfs immer noch ein Gespür für Hits: Die Vorabsingle ist wie eigentlich immer der (nicht allzu hohe) Höhepunkt der Platte. Das kann für die Single sprechen, spricht aber leider viel zu oft gegen die anderen Songs. Aber vor allem textlich ist das Ganze ein Ärgernis und an Redundanz nicht mehr zu überbieten. Ja, dass bei der Aneinanderreihung von Gefühlsmetaphern die ein oder andere schöne Zeile herauskommt, zeigen Tomte seit Jahren. Mieze stilisiert sich zusätzlich aber in allen Liedern als Katze, die ihre Krallen immer ausfährt, ohne sie in letzter Konsequenz zu benutzen. Permanenter Diva-Alarm irgendwo zwischen Postfeminismus und sekundärem Patriarchat, zwischen Befindlichkeitsrevolution und Altbauwohnung. Ja, wir alle fassen ab und zu gerne auf die Herdplatte, freuen uns aber auch wenn uns danach jemand die Wunden leckt. Wir alle streunen einmal nachts herum und träumen vom Ausbrechen, um morgens wieder reumütig unter die Doppeldecke zu kriechen. Wir schreiben aber nicht alle fünf Alben darüber. Und das ist auch gut so.

(3/10)

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