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Speech Debelle: Freedom of Speech

Mit engagiertem Auftreten richtet die prämierte Rapperin aus dem Süden Londons auf ihrem zweiten Album ihren Blick auf das, was da draußen in der Welt so alles los ist.
Erschienen auf Musikexpress.de


Normalerweise kann man sich eine Preisverleihung schenken. Man weiß doch sowieso vorher, wer gewinnt. Beim britischen Mercury Music Prize ist das nicht anders. Da legt die Fachjury eine ordentlich ausgetüftelte Nominierungsliste vor, doch am Ende gewinnt bloß wieder der erwartete Kandidat. Die große Ausnahme gab es 2009. Da muss sich im Tee der Juroren eine Experimentierfreude stimulierende Substanz befunden haben. Es gewann die der breiten Öffentlichkeit völlig unbekannte Corynne Elliot alias Speech Debelle mit ihrem Debüt Speech Therapy. Ein HipHop-Album, das gefühlvoll, intensiv, poetisch und sehr englisch war. Heute hallt die wagemutige Entscheidung von damals immer noch nach. Man merkt der jungen Frau aus dem Süden Londons an, wie viel Selbstbewusstsein sie durch den Kritikerzuspruch getankt hat. Auf dem Cover ihres zweiten Albums posiert sie ganz groß wie Lady Liberty. Damit ist auch klar, dass ihr die Verarbeitung ihrer Lebensgeschichte und die persönliche Befindlichkeit als Thema nicht mehr so wichtig sind wie die Beschäftigung mit dem, was da draußen in der Welt so los ist.

Der „Collapse", von dem Speech Debelle spricht, ist nicht ihr eigener, sondern der des ganzen Systems, aufgehängt am von BP verursachten Öl-Desaster. Eine Vision für die Zeit nach dem zu erwartenden Zusammenbruch liefert sie gleich mit: „We won't have the telly to tell us what to do / we have to start working together like a human crew / like original man used to do: Feed, nourish, wisdom!" Dass es in so eine Richtung gehen würde, musste jedem klar sein, der im Vorjahr den Teaser „Blaze Up A Fire" mit Roots Manuva und Realism gehört hat. Hier war die Verbindung zu den Krawallen in den britischen Großstädten offensichtlich. Mit Freedom Of Speech greift Speech Debelle diese Ereignisse auf. Und sie geht weiter als jene Musiker, die das vorher alles nur ahnen konnten. Paul Weller wollte die Nation noch ganz schüchtern wachrütteln. PJ Harvey spürte schon die Unruhe. Jetzt, da sich die Befürchtungen bewahrheitet haben, bleibt einem Künstler nur noch die Möglichkeit, ein Fanal zu setzen, damit nicht noch mehr passiert.

http://www.mxdwn.com/wp-content/uploads/2012/02/Speech_Debelle-Freedom_Of_Speech_b.jpg

Wer nun befürchtet, die 28-Jährige hätte einen völligen Wechsel vollzogen und sprühe vor Feuereifer wie Rage Against The Machine, darf sich beruhigen. Speech Debelle hat sich bei aller Aufgewühltheit jene Ruhe bewahrt, die man auf ihrem ersten Album so gut fand und die an die große Sprachkünstlerin Ursula Rucker erinnerte. „I live for the message, spiritual wealth", betont sie mit ihrer warmen Flüsterstimme. Der introvertierte, von einem sanften Dub-Bass angekickte Track „Shawshank Redemption" und die Pop-Sensibilität in „I'm With It" sind der beste Beweis für diesen Reichtum. Um das zu erkennen, braucht man wirklich keine Jury mehr. Es lebe die Redefreiheit! Key Tracks: „Studio Backpack Rap", „Blaze Up A Fire", „Collapse"

Das Interview zum Ansehen gibt es HIER.

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