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Yann Tiersen: Skyline

Adieu, Amelie!
Review von Kai Butterweck, erschienen auf laut.de

Fast genau ein Jahr, nachdem Yann Tiersen mit "Dust Lane" unter Zuhilfenahme morbider Klang-Szenarien einen weiteren Versuch unternahm, sich vom glitzernden Amelie-Kitsch zu befreien, öffnet er abermals seine grenzenlose Sound-Schatulle und präsentiert mit "Skyline" den musikalischen Gegenpart zum staubig düsteren Treiben der Vergangenheit.

Bereits die Eröffnung erstrahlt in hellem Licht, wenn sich auf "Another Shore" zarte Glöckchen-Spielereien mit gezupften Gitarren-Akkorden paaren, ehe sich urplötzlich schwere Sechssaiter-Wände in bester Mogwai-Tradition zu einem treibenden Sound-Gewitter zusammenbrauen. "I'm Gonna Live Anyhow" und "Monuments" senken den betörenden Lärmpegel wieder. Fragile Gesangsfetzen, Marschbeats und experimentelle Synthie-Sphären halten Einzug.

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Yann Tiersen liebt es, mit Kontrasten zu spielen. Der permanente Wechsel zwischen Klang-Stillleben und verstörtem Bombast ergab bereits auf "Dust Lane" ein polarisierendes Gesamtkunstwerk. "Skyline" wirkt in der Tiefe optimistischer als sein Vorgänger, auch wenn Stücke wie "The Gutter" oder "Exit 25 Block 20" sich ab der Hälfte ihrer vermeintlichen Leichtigkeit entledigen und Platz machen für aufeinandergestapelte Schichten aus Hall-lastigen Vocals, Post-Rock-Gitarren und epischen Elektro-Elementen.

"Hesitation Wound" klingt wie der perfekte Soundtrack für eine Herde Buckelwale auf ihren endlosen Ozean-Streifzügen, bevor auf "Forgive Me" galoppierende Prärie-Pferde unter dem Klang von akustischen Gitarren schnaubend mit den Hufen scharren. Mit einem Mix aus Sci-Fi-Melancholie und Tiefen-Optimismus erschafft der kauzige Franzose Sound-Landschaften, die einem besonderen Publikum gewidmet scheinen. Zwischen Mainstream und dem Schaffen von Yann Tiersen liegen Welten, und dennoch zieht sich unterschwellig ein roter homogener Faden durch das Werk.

Bläser, Streicher, Xylophon, Glocken, Synthies: Der Multiinstrumentalist spart nicht mit seinen Talenten, stattdessen fährt er nahezu alles auf, was sein Instrumenten-Spektrum zu bieten hat. Sphärisch geht das Album mit "The Trial" und bedächtigem Gesumme auf "Vanishing Point" zu Ende und befreit den Bretonen endgültig vom leidigen Amelie-Stigma. Auch wenn nicht jede Minute auf "Skyline" einen fortdauernden Eindruck hinterlässt, so bleibt dennoch wesentlich mehr Licht als Schatten haften.

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