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Tindersticks: Eleganz mit angezogener Handbremse

Tindersticks machen Musik an der Schnittstelle unterschiedlichster Stile. Kein Wunder also, dass auch ihre Radio Session am 7. März im Wiener Radiokulturhaus nicht so leicht zu kategorisieren war. Vom Potenzial und seinen Widrigkeiten.
Von Julius Schlögl, erschienen auf fm5.at

Die Türen sind längst zu, das Licht brennt noch. Auf der Bühne tut sich wenig, ein Roadie klebt die Setlists ohne Eile aufs Parkett. Das Publikum sitzt seit einer halben Stunde, ebensolang steht Martin Blumenau schon neben dem Seiteneingang. Alles ist angerichtet für einen großen Abend, allein: die Protagonisten fehlen.

Kurz darauf wird es dunkel, FM4-Moderator Blumenau schreitet auf die Bühne und fängt an zu erzählen. Von einem Tindersticks-Konzert im Wien des vergangenen Jahrtausends, dem nachfolgenden nächtlichen Streifzug von Band und Exponenten des Musikbetriebes durch die Stadt und einer von der Dämmerung begleiteten Heimkehr in das Hotel der Band (Fürstenhof, eh klar). Dort ist ein Mitglied der Band in ein Gespräch mit seinem Gegenüber vertieft, es ist in etwa halb fünf oder eine ähnliche verquere Zeit.
Das sei es, was die Tindersticks ausmache: Songs als intime Gespräche, die einen das Rundherum vergessen lassen, so als säße man unter einer Käseglocke. "Beziehungsweise Quargelsturz", ergänzt Blumenau. Ein bisschen Lokalkolorit darf eben auch bei einer Radio Session sein.



Eine sehr schöne Vorstellung der Gäste, fast mit Stammbuch-Charakter, die die ungeplante Wartezeit schnell wieder vergessen lässt. Apropos: Die aus allen Ecken Europas angereisten Bandmitglieder hätten Probleme mit Flug, Bus und Taxi gehabt, seien deshalb erst verspätet eingetroffen und hätten dann auch noch die Setlist adaptieren müssen, erklärt Blumenau. "Rock'n'Roll halt."

Dann kommen die Tindersticks, diese Altherrenriege mit zeitlosem Charakter, Stuart Staples als vorletztes. Eingehende Begrüßungsworte gibt es keine, dafür einiges zu schauen - die Band hat sich im Zuge ihres Comebacks neu formiert und somit auch ein wenig ein anderes Gesicht. Begonnen wird komplementär dazu mit einem Song aus der Frühphase. "Was there once something so pure, that left me whole and precious?", fragt sich "Blood".

In dieser Tonart geht es zunächst weiter, es werden mehrere Songs aus der Phase vor der zwischenzeitlichen Auflösung dargeboten, alle mit einer begeisternden Perfektion, zusätzlich von der hervorragenden Akustik profitierend.
Fraglos ein sehr gutes Konzert von noch besseren Musikern, aber es fehlen doch die großen Momente und die Kommunikation mit den Menschen in den gemütlichen Sesselreihen des Radiokulturhauses.
Besser wird das dann, als die neuen Songs zum Einsatz kommen. Diese warten mit einer Prise mehr Schwung und Soul auf, lassen das Konzert dann langsam in Fahrt kommen. Die gewonnene Dynamik kann aber nicht völlig über die angeschlagene Stimme Stuart Staples hinwegtäuschen, an die Grenzen kann der charismatische Kopf der Band an diesem Abend nicht gehen.
In Spiellaune präsentiert sich dafür die Band (hervorgehoben seien hier vor allem Schlagzeuger Earl Harvin und Saxofonist Terry Edwards) deren erstes Konzert der Tour genau dieses in Wien ist. Aufgrund von Stimmbandproblemen eben hatten Tindersticks die ersten Termine absagen müssen, dass sie an diesem Tag in Wien sind ist angesichts dieser Tatsache schon bewundernswert.



Nach fünfzig Minuten ist der Auftritt vorbei, kein großartiger zwar, ein sehr schöner und intimer, aber kein gänzlich befriedigender. "We have to take care. Hope you understand."
Eigentlich haben sich Tindersticks höchst elegant aus der Affäre gezogen. Ein sehr formidables Konzert gespielt, die Erwartungen nicht enttäuscht, aber doch Luft nach oben gelassen und damit auch Lust auf mehr gemacht. Lust, die sehr bald gestillt werden kann, kommen die englischen Vorzeige-Schwermütler ja sehr bald wieder. Und dann auch ohne angezogene Handbremse.

Auf mehr und ohne Handbremse: am 25. Juli beim poolbar-Festival!
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