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Regina Spektor: Reifeprüfung wider Willen

von Christian Lehner, erschienen auf fm4.orf.at


Es ist eine andere Regina Spektor, die mir im selben Hotelzimmer wie vor knapp drei Jahren gegenübersitzt. Die kindlichen Züge, die sich auch in ihrer Musik finden lassen, sind zwar noch immer vorhanden in diesem gütigen und menschenfreundlichen Gesicht.

Doch Spektor wirkt gereifter, selbstsicherer. Wie eine Dame, die genau weiß, dass sie eine Dame ist. Nicht, dass die 32-Jährige die „quirky" Ecken ihrer Kunst gänzlich abgeschliffen hätte. Das dadaistische Brabbeln, das Zerkauen von Popzitaten und Silben, das Zersausen von Arrangements und das Hin- und Herstürmen zwischen verschiedenen Sprachen ist geblieben. Auch wenn das neue Album deutlich ruhigere Töne anschlägt als die Vorgänger. Es ist vielmehr die Erkenntnis, die sich so um die 30 einstellen kann, dass man zu dem, was man macht, vorbehaltlos und mit aller Leidenschaft steht und auch weiterhin stehen wird, weil man, nun, einfach so ist, wie man ist und macht was man macht. Das Dogma der Jugend hinter sich lassen können, das ja nur allzu oft mit dem verkniffenen Versprechen einhergeht, irgendwann schon einmal „seriöser" oder „ernsthafter" zu werden, sich davon frei zu machen, zeugt von wahrer Reife, oder was der Autor dieser Zeilen darunter versteht. Auch wenn hier mal schnell die F-Bomb gedroppt wird, Frau Spektor scheint genau zu wissen, wer sie ist und was sie will.

„May I curse on your program?".

"Of course".

"Ok, so there is a big "fuck you!" element when you make art. It is a very rough side of you. You are starting to get protective because you know what your art needs".

"So what does your art need?".

"If you make something as out of nowhere as songs - they don't exist and then they do exist - you work on them until they feel right. And if they feel right to me, I get completely protective over them. In every way I would defend them. I would protect them from being altered. I only work towards achieving them to their full potential."

Blick von den hinteren Reihen

"What We Saw From The Cheap Seats" ist das sechste Spektor-Album. Seit sie ihre Freunde von den Strokes Anfang der 00er Jahre aus der Anti-Folk-Szene New Yorks auf die großen Bühnen der Welt gehoben haben, ist es stetig bergauf gegangen mit der Karriere. Dabei hat sie bis heute die Grätsche zwischen klassischer Klavierballade und Kunstlied, durchgeknallten Ditties und massentauglichen Popsongs gemeistert und sich eine künstlerisch unverwechselbares Identiät geschaffen. Deren Output weiß auch US-Präsident Barack Obama zu schätzen. Auf persönliche Einladung hat Regina Spektor zwei Mal im Weißen Haus konzertiert. Zwischendurch gelingen ihr immer wieder kleinere oder größere Hits wie das an R&B angelehnte „Fidelity" aus dem Jahr 2006 oder die Single „Far" vom letzten Album, die es ganz weit nach vorn in den Billboard-Charts schaffte.

„What We Saw From The Cheap Seats" lässt nun vom Titel her vermuten, dass die gelernte Pianistin Zwischenbilanz zieht (politische Implikationen sind - wie immer - auch nicht völlig ausgeschlossen, siehe Song „Ballad Of A Politician"). Spektor muss nicht mehr von der ersten Reihe aus das Geschehen auf der Bühne des Lebens kommentieren. Zeit für etwas Reflexion.

Tatsächlich geht es in Stücken wie dem herrlichen Opener „Small Town Moon", dem herzzerreißenden „How", dem erhabenen „Firewood" oder dem countryesken „Jessica" um Vergänglichkeit, unwiederbringbare Momente und endgültige Abschiede. Doch Spektor tickt anders. Zumindest setzt sie sich nicht ans Klavier und schreibt an epischen Konzept- oder Themenalben. Ihre Langwerke basieren vielmehr auf einer Art innere Schwarmintelligenz. Songs entstehen, werden abgelegt und finden mit der Zeit wie von selbst zueinander.

„I don't write for a record. It's not like for the last three years I wrote these songs and now I have a new album from a new me. Many songs on "Cheap Seats ..." are way much older than songs from the previous albums. I always get a little bit nervous before the mastering process, because I nearly treat every song as a single and I wonder how I should sequence them or if they fit together at all".

Von hier aus gesehen: Album geglückt, Reifeprüfung bestanden. Mit "What We Saw From The Cheap Seats" hat Spektor die Tür weit in die Zukunft aufgestoßen, ohne ihre schiefen Noten glatt zu bügeln. Am Ende des Interviews legt sie die Füße auf den Tisch und offenbart ein Paar staubige Cowboy Boots. Das passt so gar nicht in die mondäne Atmosphäre des Upscale-Hotelzimmers in Midtown Manhattan. Aber ganz gut zu Regina Spektor.

http://www.v-ticket.at/files/view/fid/4f7452d04258d8b77500000f

Am 18. Juli gastiert Regina Spektor im Wiener Konzerthaus und am 19. Juli beim poolbar-Festival in Feldkirch.

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