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Clemens G. Arvay: Wie fair ist Bio?

Am 27. Juli diskutierten Simon Vetter, Roland Alton-Scheidl und Thomas Weber über das Thema Wie fair ist Bio". Der ebenfalls eingeladene Autor des Buches Der große Bio-Schmäh" – Clemens G. Arvay – musste leider kurzfristig absagen, ließ uns allerdings ein Statement zukommen, das bei der Diskussion selbst nur zum Teil vorgelesen werden konnte. Hier der Text in ungekürzter Form:

Dass der Umgang mit Produzentinnen und Produzenten sowie mit Arbeitskräften in der biologischen Landwirtschaft grundsätzlich besser wäre, ist eine weit verbreitete Annahme. Im Rahmen meiner Recherchen zu dem Buch „Der große Bio-Schmäh - Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen" konnte ich auch Einblicke in den Umgang von Lebensmittelkonzernen mit der Idee der Fairness gewinnen.
Da sich der Biomarkt in Österreich (gemessen an den Ausgaben privater Haushalte für Biolebensmittel) zu 91,5 Prozent in den Händen der Supermarktkonzerne und Diskonter befindet, berücksichtige ich in meiner kurzen Stellungnahme in erster Linie die Praktiken eben dieser Konzerne mit ihren Bio-Marken wie etwa Ja!Natürlich, Zurück Zum Ursprung, Natur*pur etc.


Fairness gegenüber ProduzentInnen?

„Der Handel macht die Bauern kaputt", klagte ein Bio-Geflügelmäster in Kärnten im Interview mit mir. Seine Produkte liefert er über einen zwischengeschalteten Geflügelkonzern an die Biomarken der Supermärkte, allen voran an Ja!Natürlich von REWE.
Eine Bio-Eierproduzentin klagte, sie habe vor 20 Jahren mit 500 Legehennen ihre Familie erhalten können und sei Vollerwerbslandwirtin gewesen. Heute habe sie fast 3.000 Hennen, doch trotz der Versechsfachung der Betriebsgröße gehe sich jetzt - unter Vertrag mit Supermärkten - nur mehr der Nebenerwerb aus.
Der Bio-Bäcker Clemens Waldherr beklagt das Preisdumping der Brot-Industrie, die sich noch dazu hinter der gefälschten Maske des Handwerks verstecke. Auch Bio-Bäckereien hätten es zusehends schwerer, gegenüber der übermächtigen konventionellen Backindustrie zu bestehen, die jetzt auch den Großteil des Bio-Marktes beherrscht.

Ist Bio FairTrade?

Nein, auch importierte Produkte entstammen natürlich nicht automatisch dem fairen Handel, weil sie biologisch sind. Dennoch ist so manche Bio-Marke darum bemüht, diesen falschen Eindruck zu erwecken.
Ja!Natürlich vermarkten ihren Bio-Kaffee beispielsweise mit konnotierten Begriffen wie „soziales Engagement" oder „Sozialprojekt". Es heißt, der Kaffee entstamme regionalen sozialen Projekten in Ecuador. Bereits vor Jahren bemängelte der Verein für Konsumentenschutz (VKI) die Intransparenz dieser Behauptungen. So bekam man auf Anfrage keine Offenlegung des angeblichen sozialen Engagements durch den REWE-Konzern. Ähnlich erging es auch mir: Trotz zahlreicher Anfragen erhielt ich keinerlei konkrete Angaben über die Sozialmaßnahmen bei Ja!Natürlich. Dieser Umstand fällt umso mehr ins Gewicht, als sich im Rahmen meiner Nachforschungen ergab, dass der Kaffee nicht nur aus Ecuador, sondern auch aus zwei weiteren südamerikanischen Ländern stammt. Wie viel des Kaffees dann tatsächlich aus Ecuador kommt, bleibt ebenso im Dunkeln wie die Details über das angebliche dortige soziale Engagement. Hier entsteht der Eindruck des fairen Handels, doch bezeichnender Weise verfügt der Kaffee von Ja!Natürlich über keinerlei Kennzeichnung als FairTrade-Ware.

Prekäre Arbeitswelten

Im Rahmen meiner Recherchen nahm ich auch die Arbeitsbedingungen in der österreichischen Bio-Industrie unter die Lupe. Dass diese in Akkordschlachthöfen oder in der Backindustrie auch im Bio-Bereich nicht gerade rosig sind, dürfte ohnedies auf der Hand liegen. Ich möchte daher ein Beispiel aus meinen Recherchen herausgreifen, das mir ganz besonders zu denken gibt: Die Arbeitsbedingungen am Csardahof, dem exklusiven Produktionsbetrieb für Bio-Fruchtgemüse und Bio-Blattgemüse des Diskonters HOFER für dessen Bio-Marke Zurück Zum Ursprung.

Der Csardahof:
Geschäftsführer des Csardahofs: Werner Lampert, Zurück Zum Ursprung (HOFER).
Der Csardahof war einst exklusiver Produzent von Ja!Natürlich, nämlich so lange Werner Lampert noch der Kopf dieser Bio-Marke war. Seit Lampert nun mit Zurück Zum Ursprung dem HOFER-Konzern nahe steht, ist der Betrieb exklusiver Lieferant für Zurück Zum Ursprung.
Eigentümer des Csardahofs: Familie Dichand, Kronen Zeitung!

Der Csardahof umfasst 250 Hektar Produktionsfläche, das entspricht 2,5 Quadratkilometern. Jedes Jahr arbeiten dort etwa 80 osteuropäische SaisonarbeiterInnen, so genannte „ArbeitsmigrantInnen". Einen von Ihnen, hier als „László" bezeichnet, konnte ich für ein Interview gewinnen. Er kommt aus Ungarn:

Clemens G. Arvay: László, wie lautet die offizielle Bezeichnung Ihrer Tätigkeit am Csardahof?

László: Was ich hier verrichte, nennt sich »landwirtschaftliche Hilfsarbeit«.

Wie lange dauert Ihre Arbeitssaison als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter?

Ich arbeite hier von April bis November. Die Hauptsaison, in der wir am meisten zu tun haben, dauert von Mai bis September.

Wie viele Tage und Stunden arbeiten Sie pro Woche?

Wir haben eine Sechstagewoche von Montag bis Samstag. Manchmal arbeiten wir auch an Sonn- und Feiertagen. In der Hauptsaison komme ich oft auf mehr als vierzig Stunden pro Woche. Ich bekomme aber jeden Monat vierzig Stunden bezahlt und wir versuchen, unsere Überstunden bis zum Ende der Saison wieder auszugleichen.

Und wie hoch ist Ihr Stundenlohn?

Mein Stundenlohn liegt bei EUR 6,42.

Wie ist der Umgangston an Ihrem Arbeitsplatz? Ich meine damit: Wie werden Sie vom menschlichen Standpunkt aus behandelt?

Die Umstände sind nicht gerade rosig. Es herrscht ein harter Umgangston. Geschrei und persönliche Beschimpfungen stehen an der Tagesordnung und ich fühle mich oft erniedrigt. Wenn du deine Arbeit gut machst, bekommst du kein Lob. Es heißt immer nur: »Wieso arbeitest du nicht schneller? Wieso schaffst du nicht mehr pro Stunde?«

Ist Ihre Arbeit anstrengend?

Die Anstrengung ist nicht das größte Problem. Das Schlimmste ist die Menge. Wir müssen immer noch mehr schaffen, noch schneller sein und trotzdem gute Arbeit leisten. Wir arbeiten bei jedem Wetter, auch bei Regen, Wind und Kälte. In den Gewächshäusern ist es extrem heiß, es dampft richtig dort drinnen. Wir müssen unsere Arbeitskleidung selbst besorgen. Vom Betrieb wird uns nur ein Messer zur Verfügung gestellt. Unsere Umkleidekabinen und Duschen müssen wir selber putzen. Es gibt dort übrigens Mäuse, weil das Gebäude ein adaptierter Stall ist. Ich versuche nach Möglichkeit, diese Räume zu meiden.

Ihre Arbeitsbedingungen und der harsche Umgangston, dem Sie ausgesetzt sind, erscheinen mir nicht gerade angenehm. Warum kommen Sie jedes Jahr wieder?

Sie werden hier nur Arbeiter aus Osteuropa treffen. Wir haben keine andere Wahl. Der Arbeitsmarkt in Ungarn, wo ich herkomme, ist kaputt. Deswegen verbringe ich jetzt schon mein viertes Jahr als Erntehelfer am Csardahof. Gemessen an ungarischen Verhältnissen ist der Lohn noch immer höher. Nur leider muss ich von dem Geld, das ich während einer Saison verdiene, auch über den Winter kommen. Das ist dann nicht mehr so toll.

Lieber László, ich wünsche Ihnen alles Gute und danke Ihnen für das Interview.

Weitere Aspekte der Fairness

Zahlreiche weitere Aspekte müssten noch diskutiert werden. Mein Statement ist aber schon jetzt zu lang, ich werde es also dabei belassen. Zwei kurze Anstöße möchte ich abschließend unbedingt noch geben:

Fairness gegenüber Tieren?
Wieso gibt es bei Ja!Natürlich und Co. Bio-Tierfabriken mit bis zu 18.000 Legehennen? Wieso Akkordschlachthöfe, Kükenfließbänder und automatisches „Homogenisieren" männlicher Bio-Küken. All das ist Standard, nicht die Ausnahme! Wieso werden auch für unsere Bio-Marken ausschließlich dieselben Leistung-Hybriden eingesetzt, die schon den konventionellen Zuchtmarkt beherrschen? (z.B. Lohmann Brown Classic in der Eierproduktion, und in der Bio-Hühnermast die Hybridhuhnfamilie JA-757 und deren braungefiederte Seitenlinien JA-Color-Yield und Red-JA-Brown des internationalen Hubbard-Konzerns?)

Fairness gegenüber KonsumentInnen?
Wenn solche Tiere wie oben beschrieben in der Werbung - verbrämt mit hochgradig idyllischen Aufnahmen - als „überglückliche Hühner" bezeichnet werden (Zitat aus der Werbung und von der Homepage von Ja!Natürlich) und die Konzerne auch sonst mit Übertreibung, Verschleierung und Täuschung nicht zimperlich sind, wie sollen sich die Bio-KonsumentInnen dann ein realistisches Bild der Produktion machen, um für sich die richtigen Kaufentscheidungen zu treffen?

Clemens G. Arvay, 27. Juli 2012

9 Kommentare
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...wie Sie meinen...:-)
biologico, 12.08. 20:09 h
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Das doppelte Posting war nicht beabsichtigt. Sorry an alle Lesenden.
cgarvay, 08.08. 14:40 h
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Guten Tag nochmal! Ich darf Ihre Darstellung ergänzen und Sie darauf hinweisen, was Sie WIRKLICH geschrieben haben. Nämlich: "für alle die sich näher mit dem thema auseinandersetzen möchten und das gefühl haben, dass herr arvay mit ähnlichen marketingschmähs wie der böse lebensmittelhandel arbeite". Sie haben also - ganz klar - behauptet, dass es in dem Artikel um das Buch oder das Vorgehen dessen Autors gehe.
cgarvay, 08.08. 14:37 h
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Guten Tag nochmal! Ich darf Ihre Darstellung ergänzen und Sie darauf hinweisen, was Sie WIRKLICH geschrieben haben. Nämlich: "für alle die sich näher mit dem thema auseinandersetzen möchten und das gefühl haben, dass herr arvay mit ähnlichen marketingschmähs wie der böse lebensmittelhandel arbeite". Sie haben also - ganz klar - behauptet, dass es in dem Artikel um das Buch oder das Vorgehen dessen Autors gehe.
cgarvay, 08.08. 14:37 h
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S.g. Herr Arvay, herzlichen Dank für Ihre Antwort - ich hoffe aber sehr, dass Sie bei den Recherchen zu Ihrem Buch genauer vorgegangen sind! 1. Es wurden von mir 2 verschiedene Links und nicht 2x derselbe gepostet. 2. Seien Sie bitte nicht so anmaßend zu glauben alles drehe sich um Ihr Buch. Ich habe ausdrücklich geschrieben "...für alle die sich näher mit dem Thema auseinandersetzen möchte..." sei der Link gedacht. Mit "dem Thema" meinte ich die biologische Landwirtschaft bzw. die "Bio+Fair Thematik", zu der es übrigens zahlreiche fundiertere und wissenschaftlichere Quellen gibt als Ihr Buch! mfg
biologico, 05.08. 22:03 h
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www.arvay.info
cgarvay, 01.08. 08:50 h
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Liebe(r) "biologico"! Da melde ich mich doch glatt selbst zu Wort. Denn unter dem Link, den Sie gleich zweimal gepostet haben, wird das Buch "Der große Bio-Schmäh - Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen" überhaupt nicht behandelt! Lesen Sie die Anmerkung am Ende des Artikels, vom Autor selbst geschrieben. Dort steht: "Weil es Mißverständnisse gab: Mein Kommentar ist KEINE Rezension des Buchs „Der große Bioschmäh”, sondern eine kritische Ergänzung einer meines Erachtens einseitig geführten Diskussion im Forum von DerStandard.at." MfG, Clemens G. Arvay
cgarvay, 01.08. 08:22 h
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für alle die sich näher mit dem thema auseinandersetzen möchten und das gefühl haben, dass herr arvay mit ähnlichen "marketingschmähs" wie der "böse" lebensmittelhandel arbeite: http://www.biorama.at/warum-es-kein-zuruck-zum-ursprung-gibt/ es gibt und wird nie nur negative oder nur positive seiten einer sache geben!
biologico, 30.07. 23:44 h
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der autor will der biolandwirtschaft helfen? tatsächlich?! bitte hier weiterlesen: http://www.bio-austria.at/biobauern/aktuell/oesterreichweit__1/zum_buch_der_grosse_bio_schmaeh hoffentlich ist bald schluss mit dieser schwarz-weiß-malerein...
biologico, 30.07. 22:02 h