Poolbar Blog

2017


2016


2015


2014


2013


2012


2011


2010


2009


2008


Eloui: "Chasing Atoms"

Unsere Ein-Frau-Soundparkband des Monats (Anm. November 2011) und ihr Debütalbum im Portrait: Musik, die einem am schmalen Grat zwischen Traum und Wirklichkeit spazieren lässt. Schnurrende Katzen gibt's auch!
von Alexandra Augustin, erschienen auf fm4.orf.at


In den späten 1920er Jahren, da düste eine ägyptische Frau namens Nimet Eloui, Tochter eines Hofmeisters von Sultan Hussein von Ägypten, mit ihrem Auto mit unbändiger Geschwindigkeit über die Schweizer Berge. Am Beifahrersitz: Der Schriftsteller Rainer Maria Rilke, der sich vor der Geschwindigkeit, mit der die Fahrerin das Auto steuerte, fürchtete. Diese Dame dürfte dennoch eine große Faszination auf Rilke ausgeübt haben, immerhin geht die Geschichte darum, dass er dieser Nimet Eloui Rosen gepflückt haben soll. Dabei hat er sich an einem spitzen Dorn verletzt, eine Blutvergiftung zugezogen, konnte seine Arme nicht mehr bewegen und ist letztlich an den Folgen dieser Vergiftung gestorben, wenn man Ralph Freedman und seinem Buch "Life of a poet: Rainer Maria Rilke" glauben schenken mag. Der ärmste.

Diese Geschichten rund um diese wenig bekannte Nimet Eloui sind der Schlüssel zum Namen, den die Musikerin Franziska Abgottspon ihrem Soloprojekt gegeben hat. Und diese Geschichten sind auch ein Schlüssel zu ihrem musikalischen Werk.

http://poolbar.at/system/asset/filename/9310/eloui_press.jpg
Eine Frau, die am Steuer sitzt und den Wagen lenkt. Und das in ihrer eigenen Geschwindigkeit, mit Geschick und Selbstbewusstsein: Dafür steht auch Elouis Musik.

Vor einigen Jahren hat es Eloui von der Schweiz nach Wien verschlagen, wo sie an der Akademie der Bildenden Künste Malerei studierte. Doch die einsamen Stunden im Atelier waren ihr bald zu wenig. Seitdem kennt man sie als Bassistin diverser Bands, die in der Wiener Szene gut vernetzt sind: Da wäre das 18-köpfige Post Rock-Improvisationskollektiv Thalija, da wären die Folkpop-Perlenkettenspinner Ernesty International rund um Musiker Ernst Tiefenthaler oder experimentelle Projekte wie "Butter wird härter", für das Eloui mit einem fünfjährigen Kind Musik machte.

Ich persönlich fand Eloui immer schon sehr bewundernswert. In einer Welt, in der meiner Meinung nach immer noch viel zu wenige Frauen mit Männern auf Augenhöhe Musik machen, während diese ihre Riten und Riffs pflegen, war sie in den letzten Jahren wie in Fels in der Brandung. Bei ihren Konzerten mit Thalija zum Beispiel, wo unter 18 Mitgliedern mit Eloui und der Sängerin Magali Arnoux nur zwei Frauen mit an Bord sind, ist die rot gelockte Bassistin nicht mehr wegzudenken.

Doch in all den Jahren in denen sie, wie sie selber sagt "im Hintergrund für die Basis" gesorgt hatte, wurde der Wunsch eigene Musik zu machen immer dringlicher. Irgendwann nach einer Probe mit Thalija "sei eben dieses eine Bassriff, hängen geblieben". Sie musste die Melodie sofort in ihr Handy singen, um sie nicht zu vergessen. Und plötzlich entstand aus einer Idee ein Stück Musik, das heute den Titel Grass Stained trägt und sich auf Elouis Debüt findet.

Die Jagd nach den kleinen Dingen des Lebens

Chasing Atoms hat Eloui im letzten Jahr in Eigenregie komponiert, eingespielt und aufgenommen. Und beim Lesen der Liste an Instrumenten, die sich auf der Platte finden, wird einem ja richtig schwindelig:

Ukulele, Gitarren, Bass, Klarinette, Flöte, Schlagzeug, Calimba, Glockenspiel, Metallophon, Cabasa, ein Synthesizer-Sammelsurium und dann noch die Field Recordings, die Eloui in ihre Stücke verwoben hat: Gewitter, Sturm, schnurrende Katzen und alte Sound-Schallplatten aus den 1970ern voller Allerweltsgerumpel. Und Elouis glockenklare Stimme: Das alles wurde im D.I.Y.-Verfahren im Wohnzimmer bespielt, gesampelt, aufgenommen und zu Liedern aufgeschichtet. Auf die Frage, wann und wie die Musikerin all das eigentlich gelernt hat, erntet man nur bescheidenes Understatement:

"Ich habe mit 15 ein Jahr Klarinettenunterricht genommen. Aber ich kann diese Instrumente eigentlich gar nicht richtig spielen. Ich kann auf den Instrumenten Klänge erzeugen, die zu meiner Musik passen. Aber das sind keine 'akademischen', sauber gespielten Töne. Ich benutze die Instrumente, so wie ich's halt kann und mache daraus etwas."

Bloß, von "etwas nicht können" ist auf "Chasing Atoms" wirklich keine Spur. Hier sind facettenreiche Klangbilder entstanden, die man mit Schlagwörtern wie "berührend", "entrückt", "wärmend", "verspielt" und "tiefsinnig" am besten beschreiben kann. Man fühlt sich an die Badezimmersessions von Coco Rosie erinnert, an den Mut zum Experiment einer Björk und an die Abgründe, in die uns die Platten von Portishead einst einmal auf Erkundungstour eingeladen haben.

Ein Lied wie Owl On My Windowsill mit seinen Underwater Love-Referenzen drückt gut aus, welche Geschichten sich auf Chasing Atoms finden:

"In 'Owl On My Windowsill' erzähle ich von einem Traum, den ich einmal hatte. Auf meinem Fenster saß eine große Eule mit einem unglaublich prächtigen Federkleid. Ich erzähle in meinen Liedern oft von Dingen, die ich geträumt habe. Und in diesem Lied erzähle ich auch über meinen Trick, wie ich mich selber aus Albträumen herausholen kann: Wenn ich im Traum klatsche und das Klatschen nicht alle Sinne anspricht, dann weiß ich, dass ich nur träume."

Chasing Atoms ist ein Album, das in jedem Moment so klingt, als würde man auf dem schmalen Grat zwischen Traum und Wirklichkeit eine Runde spazieren gehen. Wie dieser berühmte Moment, in dem man aufwacht und nicht weiß, was wahr ist und was nicht.

Aber es sind nicht nur schöne Visionen, die Eloui in Lieder packt, sondern es wird auch von inneren Kämpfen erzählt, die man mit sich selber ausfechten muss. Von Zweifeln und Barrikaden, die uns, sie lähmen. Gut, das sind Geschichten, die man kennt. Aber selten wurden sie so gut erzählt.

"Fear and Do it Anyway" ist der Leitsatz, nachdem Eloui ihr Leben ausgerichtet hat. Den Ängsten keinen Nährboden geben. Egal ob es um alltägliche Entscheidungen geht, ums Musik machen oder um die Momente, denen sie sich in nächster Zeit stellen müssen wird:

Ihr Album auf der Bühne präsentieren, ganz alleine ohne dem Musikkollektiv als Rückendeckung. Zusätzliche Musiker aus ihrer Thalija-Ernesty International-M185-Familie möchte Eloui vorerst bewusst nicht in die Konzerte einbauen, noch nicht einmal einen Computer:

"Dieses 'sich auf die Bühne stellen und sich anschauen lassen' hat mir früher viel Angst gemacht, aber ich wollte mich dieser Angst stellen. 'I dance with all errors and fears', so wie ich es auch im Lied 'Personal Poltics' singe."

"Es geht auch um die Bilder, die man im Kopf hat: Die Frau singt, der Mann macht die Musik und bastelt an den Electronics herum. Deswegen die Entscheidung alleine und nur mit der Ukulele und einem kleinen Player auf der Bühne zu stehen. Auch wenn es vielleicht seltsam ausschaut."

Das mit dem kleinen Player wird bestimmt interessant, aber sind wir uns ehrlich: Die meisten MusikerInnen, die mit dem Computer auf der Bühne stehen, da irgendwo herumklicken und e-mails checken, schauen eigentlich ziemlich deppat aus.

Eloui lenkt den Wagen ganz alleine und das steht ihr gut.

Eloui ist gemeinsam mit Trouble Over Tokyo (allerletzte Show!) und Squalloscope am 3. August beim poolbar-Festival zu Gast!

0 Kommentare
Anmelden zum Kommentieren