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The Scarlet Beast O' Seven Heads

Georg Sokol Leitgeb für press-play.at

Wehe wenn es losgelassen! Mit einem abwechslungsreichen Figuren- und Geschichtenreichtum wird Konstantin Groppers Projekt Get Well Soon fortgesetzt und es wandert mit “The Scarlet Beast O’ Seven Heads – La Bestia Scarlatta Con Sette Teste” neben dem Erstlingswerk “Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon” und dem Nachfolger “Vexations” nun das dritte Album in seine Diskographie…

Nachdem die bisherigen Vorgänger durchaus gelungen sind, liegt die Erwartungshaltung was das dritte Album betrifft, dementsprechend hoch und es wird die Frage aufgeworfen, was denn aus der Idee, ein Konzeptalbum zu produzieren wohl letztendlich geworden ist.

Einige Tage vor dem Release stehen bei Get Well Soon noch Konzerte im Kalender. Während sie bei Rock en Seine zusammen mit dem Orchestre National d’Île de France vor einer größeren Menge ein gemischtes Programm zum Besten geben, folgt zwei Tage später eine Fm4 Radio Session, die in einem weitaus beschaulicheren Rahmen im Radiokulturhaus abgehalten wird. Es liegt eine gewisse Spannung in der Luft, die von Beginn an bis zum Ende hin aufrecht erhalten wird.

Konstantin Gropper kommt das durchaus gelegen. Stimmung, Atmosphäre und Spannung sind Elemente mit denen der 29 jährige hantiert und experimentiert, und die er im Rahmen von Get Well Soon in hörbarer und stellenweise auch sichtbarer Form versucht auf die Bühnen zu bringen. An diesem Abend gelingt ihm das auch dementsprechend erfolgreich. Vor sitzendem Publikum funktioniert dieses Konzept sogar unerwartet besser als bei einigen Konzerten mit stehenden Zuhörern. Denn es braucht eine gewisse Ruhe um die überlegte Performance stark zu machen.

Auf der Setlist steht “Prologue” gleich an erster Stelle und eröffnet ebenso wie auf dem neuen Album nun auch die FM4 Radio Session. Die Auswahl an neuen Liedern kommt hier nicht zu kurz und so liefert die Formation aus Deutschland mit der neuen Single “Roland, I Feel You”, “The Last Days Of Rome”, und “Courage Tiger” eine ganze Palette an Liedern, die ebenfalls den Weg auf “The Scarlet Beast O’ Seven Heads – La Bestia Scarlatta Con Sette Teste” gefunden haben. Hier wird nun langsam spürbar, was Konstantin Gropper meint, wenn er  davon spricht ein Konzeptalbum auf die Musikwelt loszulassen. Nach wie vor mit einer hörbaren Identität hin zu den vorherigen Alben, heben sich die Stücke aus dem neuen Album trotzdem in gewisser Weise ab und passen in einer herausgehobenen Form plötzlich zueinander.

Ein roter Faden wird sichtbar, der das erdachte Konzept greifbar macht. Das Publikum reagiert auf das neu mitgebrachte Material ebenso begeistert, wie es zu “5 Stepts / 7 Swords” und “Angry Young Man” applaudiert. Unter den Zugaben kommt es dann mit “You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)” – einer weiteren Nummer aus dem neuen Album, zu einem Abschluss, der noch ein letztes mal den speziellen Stil hervorhebt. Dramaturgisch steigert sich das Lied zu einem eher harmlosen Ende bis es dann nach einem Bruch in einen Klangteppich übergeht, der sämtlicher Instrumente auf der Bühne bedarf. Ganz nach dem Motto “Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt!” Unterm Strich ein Konzert, das sowohl bei den Musikern auf der Bühne als auch im Publikum funktioniert.

Wenn jemand von einem siebenköpfigen Ungeheuer, einer peitschenschwingenden Heldin im roten Ganzkörperanzug in 70er-Jahre-Manier, einem Kleinwüchsigen und einem Cowboy in Schwarz mit Schwert und Flöte erzählt, dann wird er sich wohl oder übel viel überlegt haben. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht war das alles schon immer da und musste nur aus der Vergessenheit erst wieder an die Oberfläche gebracht werden. Womit sich Konstantin Gropper hier anlegt, ist ein Koloss, der direkt aus einem verstaubten Filmkoffer stammen könnte. Aufpoliert, adaptiert und in eine neue Form gebracht. Aber Konzeptalben zu erstellen ist schwer. Denn sämtliche Bauteile und musikalische Arrangements, die bei Zeiten gerade einmal dafür genügen, einem einzelnen Lied das gewisse Etwas zu geben, müssen hier gleich für 13 Tracks reichen und demnach entsprechend genügend Substanz liefern um variierbar zu sein. Musikalisch orientiert er sich hier an Elementen der Filmmusik wie man sie in italienischen Western und europäischen surrealen Trash-Filmen findet.

Den Gitarren, Percussions, Blechbläsern und Glockenspielen – alles durchaus Formen die auch den Weg auf die vorherigen Alben gefunden haben – wird hier ein chorartiger Gesang mit Flötenspiel zur Seite gestellt, wie man ihn von Ennio Morricone kennt. Eine Nähe zu den Kompositionen von Nino Rota hält das ganze dann auch noch klammerartig zusammen. Diese Bauformen in der Musik eignen sich natürlich dementsprechend, wenn epischer Pathos mit den Arrangements von Get Well Soon zusammenprallen. Nicht umsonst fühlt sich Konstantin Gropper auch zum bewegten Bild hingezogen. Hat er doch bereits den einen oder anderen Soundtrack zu einem “Lichtspiel” verfasst. Denn sein Blick geht einerseits zurück in vergangene Epochen und andererseits auch wiederum sehr zukunftsgerichtet nach vorn, was die Vielseitigkeit und Originalität der Instrumentenwahl betrifft.

Wenn jemand eine Geschichte zu erzählen hat, beginnt er am besten mit dem Prolog. So auch der Titel des ersten Liedes am Album. “Prologue” eröffnet mit Gitarren und Chorgesängen im Vordergrund. Eine Violine wird auch hörbar. Langsam und um ja nicht zu dick aufzutragen, lässt Konstantin Gropper hier gleich Luft nach oben hin. Denn im zweiten Track “Let Me Check My Mayan Calendar” verirren sich dann bereits breitere und vollere, orchesterartige Klangbilder. Die instrumentale Nummer ist kurzgehalten und eignet sich ganz gut um den Zuhörer auf Mehr neugierig zu machen. “The Last Days Of Rome” und “The Kids Today” liefern dann einige moderne Elemente, lassen aber trotzdem nicht die bisher verwendeten Arrangements vergessen.

Mit Synth-Einflüssen – die aber sehr dezent und sparsam eingesetzt werden, bricht “The Kids Today aus dem restlichen Album etwas aus. Es klingt weniger nach italienischer Filmmsuik, sondern vielmehr danach, als käme es aus dem Barbarella Universum. Leiser werdend und fast schon kurz vor einem Fade Out stehend, wird hier wie im Film, wo der Dialog die Musik kurz in den Hintergrund befördert, die Lautstärke abgesenkt um sie dann ohne einen Bruch kurz vor dem Ende wieder zu anzuheben.

Video

Den Vorreiter für das neue Album bildet die bereits zuvor veröffentlichte Single “Roland, I Feel You” mit dem dazu passenden Musikvideo. Aufwendig produziert und voll von epischem Pathos, werden hier cineastische Genres herangezogen, die dem gesamten Album als Mauerwerk dienen. Er wagt den Sprung und verbindet den heute aktuellen digitalen knackigen Look mit der Handlung, der Art Direction und den Special Effects der 60er und 70er Jahre. Nur der Filmlook mit milchig wirkendem Hauch über dem Bild geht hier vielleicht etwas verloren. Dennoch gelingen Konstantin Gropper zusammen mit Regisseur Philipp Käßbohrer eine Ansammlung von schön zitierten Bildern. Die weibliche Heldin im weißen Kleid aus “Valerie and her week of wonders” oder der in schwarz gekleidete Mann mit Hut aus “The Holy Mountain”, der im Musikvideo zu einem flötenspielenden Cowboy wird, der an “Kill Bill” oder “El Topo” erinnert, sind nur zwei der vielen Zitate die man in diesem kurzfilm-artig inszenierten trashigen Flick vorfindet.

Nachdem “Roland, I Feel You” mit einer ganzen Palette an Instrumenten stark an Ennio Morricone und einen späten David Bowie erinnert, liefert Get Well Soon dann mit “Disney” ein Opening, das fast schon aus “Bambi” oder “Snow White and the Seven Dwarfs” herauskopiert worden sein könnte. Aber gleich nach den ersten Akkorden schlägt das positiv gehaltene Motiv in die gewohnt düstere Stimmung um und liefert wieder einige moderne Elemente. “A Gallows” erinnert dann ein wenig an “Vexations” und lässt einen fast daran denken die Forward Taste zu betätigen, weil man wissen will was danach kommen wird. Mit “Oh My! Good Heart” landet man dann wieder bei David Bowie und einigen Percussions.

Bei “Just like Henry Darger” wird mit einer kleinen Sound-Design Einlage am Anfang dann mit Gitarren und fortgeführten Percussions die Geschichte vom Schirfsteller und Maler Henry Darger erzählt. Auch wenn hier noch letzte Spuren von David Bowie hörbar sind, gleitet das ganze wieder mehr zurück in die Richtung von Ennio Morricone und Nino Rota, bis es sich dann langsam steigert und im zweiten Drittel zu einem Bruch kommt, um wieder orchesterartig und einer kurz eingespielten Monolog-Einlage mit komplett anderem Arrangement das Lied zu Ende zu bringen. Ähnlich verhält es sich bei “Dear Wendy”, das recht harmlos mit einigen Synths beginnt und ab der Hälfte plötzlich etwas an Louis de Funès, seine außerirdischen Kohlköpfe und Raymond Lefèvre’s Soundtrack dazu erinnert. “Courage, Tiger” behält die Synths fast nahtlos bei, liefert aber durch Konstantin Groppers Gesang und einer breiteren Ansammlung an Instrumenten dann wieder etwas mehr Energie.

“The World’s Worst Shrink” bildet mit schlicht gehaltener Gitarre in Singer-Songwriter Manier vor dem großen Finale “You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)” den Abschluss des Albums. Im letzten Lied werden dann noch einmal alle Register gezogen und die Werke von Komponisten längst vergangener Filmmusik mit modernen Elementen vermischt. Aktuelle Musik ist hier stärker spürbar als bereits zuvor bei “Roland, I Feel You”. Mit einem erneuten Bruch, der am Ende dann noch ein letztes Mal Stimmungen aus den 20er und 30er Jahren aufwirft, verabschiedet sich “The Scarlet Beast O’ Seven Heads – La Bestia Scarlatta Con Sette Teste”.

Alles in allem ist es ein vielseitiges und komplexes Album, das es sogar benötigt, danach gleich ein weiteres mal gehört zu werden, weil die geballte Ansammlung, die in 13 Liedern verpackt ist, doch etwas viel ist, um alles davon im Kopf zu behalten. Die erhoffte Stimmung erzielt Konstantin Gropper mit diesem Konzeptalbum jedoch auf jeden Fall. Es ist allerdings vielleicht weniger wichtig, diverse Andeutungen und Zitate zu verstehen, als vielmehr mit der Musik mitzufühlen. Wenn er es auch mit viel Kopf gebastelt hat, so ist es beim Zuhörer eher der Bauch, der neben den Ohren aktiviert wird.

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