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Tocotronic: Ihr Geister, mehr Sehnsucht!

von Hendrik Otremba, erschienen auf spex.de

Nach einem Sabbatjahr, das intensiv zur Vorbereitung des neuen Albums Wie wir leben wollen genutzt wurde, kommen Tocotronic nun mit einem 17 Stücke umfassenden Riesen daher, der erst mal das tut, was Riesen häufig nachgesagt wird: erschlagen! Für das wohl komplexeste Album in der Geschichte dieser Band benötigt man etwas mehr Zeit, das sei vorab erwähnt. Wirkten die von Lowtzow’schen Texte über die Jahre immer wie ein Puzzle, dessen Einzelteile sich vermehrten, zeigten sich die vier Musiker spielerisch immer versierter und hat man sich an diese Entwicklung quasi schleichend gewöhnt, so dehnt sich das Universum von Tocotronic nun auch auf einer weiteren Ebene aus: im Klang

Tocotronic »Wie Wir Leben Wollen«
Bei den Aufnahmen im Candybomber Studio in Berlin-Tempelhof haben die vier Musiker unter Einsatz antiquierter Technik aus den 1950er-Jahren und in erneuter Zusammenarbeit mit Moses Schneider einen Sound konserviert, der einen regelrecht in sich einsaugt. Wie eine Höhle, die mit einem tief verborgenen Geheimnis lockt. So zieht sich die räumliche Tiefe durch alle Stücke, wenn sie sich auch ganz unterschiedlich äußert. Wie wir klingen wollen, sozusagen. Eine Auswahl: Der von der vorab veröffentlichten Single bekannte »Pfad der Dämmerung« beginnt mit einem schnell geschnittenen Feuerwerk, nachts im Park, das einen mit in den Himmel zieht, vor explosiver Kulisse. Später dann »Neutrum«, in Form von Überlagerung und Widerhall, eher flüchtig, um dann doch wieder schnell tänzelnd den Boden zu berühren. Oder »Exil«, das nicht nur andere Räume betritt, sondern auch durch die Zeit zu reisen scheint. Die analoge Aufnahme – »Digital ist besser« war einmal –, das spontane und nur noch begrenzt editierbare Material, hat dabei etwas sehr Situatives eingefangen. 

Auch wenn dieser Begriff in der Popmusik als Kriterium meist deplatziert wirkt, hat sich hier (musikalische) Authentizität eingeschrieben. Und diese geht über in die Form der Stücke, auch sie verkörpern eine neu erfundene Originalität. So hat die Ausdifferenzierung, das experimentelle Genre-Mash-up im lose geschnürten Korsett ›Tocotronic‹, weiter um sich gegriffen, mit langen Armen, fast Tentakeln, bis in die Country- und Western-Gefilde der Südstaaten (»Chloroform«), getragen von vielseitig-vielsaitigen Gitarren. Sowieso: Rick McPhail ist nicht mehr wegzudenken, ganz stark mitverantwortlich für die stetig fortschreitende Qualität in der Instrumentierung. Auch der Bass groovt wie nie zuvor, passt einfach perfekt. Die organische Musik von Tocotronic ist hier mehr als Schall und Wahn. Ohne retro zu sein – höchstens retro-futuristisch – inszenieren die 17 Stücke dabei oft die Atmosphäre eines alten Gruselfilms (kein Horror, kein Splatter – Grusel!), sind – wie etwa in »Warm und grau« – geisterhaft verspielt. In Verweisen auf Gegenwartsphänomene und Bedürfnisse, in Reflexionen über Körper, Tod und Leben, oft recht indirekt übertragen und im nächsten Moment ganz konkret, verlautet die mit der Zeit souverän gewordene Stimme des selbsternannten Plüschophilen (im grandiosen »Neue Zonen«, wohl mit Kusshand an Cosima von Bonin): wie man denn nun leben wolle, wie sich aus den Beobachtungen, die diese Band über zwei Jahrzehnte vertont hat, Ideen ergeben haben – Angebote, nicht von oder für die Kunst zu leben, sondern in ihr. Die Texte sind dabei durchzogen von einer süßlichen Morbidität, einem Interesse für Geister und Gespenster – weniger programmatisch, mehr mit Sehnsucht: »Wir können davon lernen, wie wir leben wollen.«

Das offenbart den Albumtitel nicht als Frage, sondern als eine mögliche Ernte: Die einst gesäten Gedankenspiele haben in 20 Jahren Reifezeit süße Früchte hervorgebracht; Tocotronic klingen angekommen – pflücken jetzt! Aufgehend in wunderbarem Sound verweist Wie wir leben wollen dabei augenzwinkernd auf etwas, das bei all dem Heckmeck schnell vergessen wird: Es handelt sich hierbei um Musik!

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