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Burg in Concert: Tocotronic

Im 20. Jahr ihres Bandbestehens veröffentlichen Tocotronic ihr 10. Album „Wie Wir Leben Wollen". Ein Album, auf dem es darum geht, „wofür anstelle wogegen man ist". Ein Album, das ein „kolossales wie zärtliches Angebot zur Verbesserung der Erde" ist.

Vor ihrer regulären Clubtour im April stellen Tocotronic „Wie Wir Leben Wollen" live im Wiener Burgtheater vor. FM4 widmet sich am 06.02. ab 19 Uhr in einer Spezialsendung der Geschichte der Band. Gerlinde Lang trifft Tocotronic vor ihrem Auftritt zum Interview. Weggefährten wie zum Beispiel Sterne-Sänger Frank Spilker oder Christiane Rösinger kommen genauso zu Wort wie Fans: Get Well Soon Mastermind Konstantin Gropper, Madsen und Die Heiterkeit gratulieren Tocotronic und erzählen von ihren Lieblings-Tocotronic-Momenten. Ab 20:30 Uhr überträgt FM4 das Konzert schließlich live aus dem Wiener Burgtheater!

Tocotronic
Ein weiches Manifest
von Philipp L'Heritier, erschienen auf fm4.orf.at

Ja, "Wie wir leben wollen" ist die Platte des Jahres. Das zehnte Album von Tocotronic ist ein kolossales wie zärtliches Angebot zur Verbesserung der Erde. Tocotronic sind unser Artist of the Week.

Es steht da also nicht „Wie wir leben sollen", sondern „wollen", es steht da aber auch kein Fragezeichen hinter dem Satz. Einerseits ist das Autoritäre nicht die Sache von Tocotronic, genau so wenig das Vorschreiben und das Ausstellen von Rezepten oder gar das Erteilen von Befehlen. In vielen, vielen Bereichen müssen dann aber freilich doch und trotzdem und auf jeden Fall Positionen bezogen werden.

Die Tyrannei zwingt uns ja schon oft gar nicht mehr in missliche Lagen hinein, sondern suggeriert uns bloß erfolgreich, dass wir etwas „wollen" sollen. Und wir wollen. Interessante Jobs machen zum Beispiel. Gleichzeitig ist aber dieser Gedanke ein ganz und gar erhebender und wunderbarer und auch irgendwie ein selten gewordener, dass wir, wie es im Titelstück der neuen Tocotronic-Platte „Wie Wir Leben Wollen" heißt, von etwas, sei es vielleicht Kunst, Musik, Politik oder einem strengen Protokoll, „lernen können, wie wir leben wollen". Nicht wie wir können oder sollten. Hier spricht ein lustvoller Wunsch, vielleicht für einen ganz kurzen Augenblick abgekoppelt von Notwendigkeiten der Welt, aber eben auch ein Wunsch nach neuen Formen des Lebens, in denen so genannte „Selbstverwirklichung" nicht den anderen auf dem Kopf herumtanzt und so etwas wie Anstand aus sich selbst heraus und gewollt entsteht.

„Leben", das ist ein weiter Raum, akustisch haben Tocotronic ihn auf ihrem zehnten Studio-Album mit einem im Vergleich zu den drei Vorgänger-Alben neuen Ansatz in Sound übersetzt. Die sogenannte Berlin-Trilogie - „Pure Vernunft darf niemals siegen", „Kapitulation" „Schall und Wahn"- haben Tocotronic mit dem Produzenten Moses Schneider aufgenommen und dabei versucht, mit einer minimalistischen, dogma-haften Herangehensweise quasi einen Rock'n'Roll-Sound einer Rock'n'Roll-Band, die gerade live im Proberaum spielt, einzufangen. Scharf konturiert und direkt. „Rock'n'Roll-Band" haltungstechnisch natürlich durch den Tocotronic-Filter betrachtet. Aufgenommen haben Tocotronic „Wie wir leben wollen" zwar wieder mit Moses Schneider, dieses Mal jedoch in einem neuen bzw. einem alten Studio, nämlich dem Candy Bomber Studio in Berlin.

Dort steht ein altes, rares 4-Spur-Aufnahmegerät aus den 50er-Jahren, auf das das Album gebannt wurde. Soundtechnisch dürfen hier sicherlich reiche und opulente Alben klassischen Formats der Beatles und der Beach Boys als Vorbilder gedient haben. „Wie wir leben wollen" wird von weichen Klängen getragen, von einer wohligen Psychedelik und von Hall und Echo. Die Platte durchzieht ein Nebel, den man in der jüngeren Vergangenheit auch ähnlich auf Alben der kurzlebigen, aber ewig nachhallenden Shoegazing-Bewegung finden könnte.

Auch was den Einsatz der Instrumente anbelangt, haben Tocotronic einen fast barocken Fundus zu Rate gezogen: Ein Theremin war zu Gast, gespielt übrigens von Dorit Chrysler, außerdem vom wunderbaren Hamburger Duo JaKönigJa arrangierte und gespielte Bläser, Chorgesang und der Multiinstrumentalist Ben Lauber, der sonst in der Band von Kollegen Apparat tätig ist, hat Kastagnetten, Glockenspiel und ein Kanun, ein zither-ähnliches Saiteninstrument, bedient. Was alles aber bei Tocotronic zum Glück nicht in eine Materialschlacht als Selbstzweck mündet. Geisterhaft blitzen kleine Akzente aus dem mächtigen Gesamtklang hervor. Viel geschieht hier im Laufe dieser 17 Stücke dauernden Platte zwar, erschlagen wird hier jedoch keiner. Vielmehr wird man verzärtelt und als Hörerin und Hörer mit süßen Stimulanzen bekuschelt.

„Wie wir leben wollen" ist eine Platte, die geschmeidig singt und auch sehr oft lieber davon erzählt, wofür anstelle wogegen man ist. Salonmilde und stumpf eingelullt sind Tocotronic jedoch nicht geworden - allein, das Wort „Widerstand" ist heute nicht mehr ganz verlässlich geblieben, die Revolte kommt anders kostümiert daher. Man ist älter geworden und macht sich Gedanken darüber.

Anhand des Themas „Körper" - wohl der zentrale Begriff der Platte - und auch des Nachdenkens über dessen Verfall können hier Theorie und Überlegungen zu Identität, Geschlecht, Normierungen, der Trennung von Fleisch und „Seele" und schließlich freilich dem Leben selbst entflammen. Selbst wenn die Texte gern auch mit einer humoristischen Drehung versehen werden, ist die Band auf „Wie Wir Leben Wollen" an vielen Stellen so explizit politisch wie selten zuvor; wenn etwa im Stück „Exil" gesungen wird: „Ich bin krank/Ich bin ein weißer heterosexueller Mann/Du kannst mich /Abschieben/Wenn Du Willst." Oder in „Neue Zonen": „Europas Mauern Werden Fallen."

Man muss nun tatsächlich nicht, wie das immer gerne behauptet wird bei Tocotronic, ein ständig großes akademisches Rätsel entschlüsseln. Alle Quelltexte aufspüren oder jedem Zitat nachbohren - auch wenn es natürlich Spaß bereiten kann, wenn man vermeint hier einen Verweis auf vielleicht die Rolling Stones und Adorno oder da die französische Literaturwissenschaftlerin Hélène Cixous und den Film „Invasion of the Body Snatchers" entdeckt zu haben. Tocotronic leben ja nur kaum vom allzu leicht wiedererkennbaren „augenzwinkernden" Zitat, das sich selbst genügt.

Es geht ja nicht um Verkomplizierung, im Gegenteil, Tocotronic bilden in neuen Konstruktionen und neu arrangierten alten Worten die Widersprüchlichkeiten des Lebens ab, vielleicht auch Leben, die es noch gar nicht gibt, nach Erdbeer duftende Utopien. Man muss bloß ein paar großartige Ideen, die auf „Wie wir leben wollen" zuhauf zu finden sind, aus der Luft fischen und alles bloß so verstehen wie man es eben versteht. Einfache Lösungen gibt keine, auch nicht bei Tocotronic. Sie beleuchten mit einer herrlichen Sprache zwischen Ulk und poetischem Überschwang die Zustände und die Vorgänge, sie schlagen neue Modelle vor. Die Welt bleibt gottseidank kompliziert, machen wir sie schöner.

Tocotronic in Österreich:
07.04.2013, Graz Orpheum
09.04.2013, Arena Wien
10.04.2013, Linz Posthof

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