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Naked Lunch: All Is Fever

Ein Ozean aus Tränen, der einfach alles hinfort spült.
Review von Kai Butterweck, erschienen auf laut.de


Spätestens mit ihrem 2004er-Werk "Songs For The Exhausted" verabschiedeten sich die Klagenfurter Indie-Veteranen von Naked Lunch endgültig von ihren Alternativ-Rock-Wurzeln. Inspiriert vom Weilheimer Indietronic-Netzwerk, rückten fortan immer mehr anorganische Soundelemente in den Fokus ihres Schaffens. Nach dem letzten Studiowerk "This Atom Heart Of Ours" (2007) und den beiden Soundtrackarbeiten "Universalove" (2009) und "Amerika" (2011) öffnen die Alpenbrüder mit "All Is Fever" nun das nächste musikalische Kapitel.

Abermals rücken verzerrte Landschaften weitgehend in den Hintergrund. Stattdessen scheinen die vier Österreicher an der Film- und Theaterarbeit der letzten Jahre so richtig Gefallen gefunden zu haben. Mit epischen Harmonie-Sattelschleppern wie dem Opener "Keep It Hardcore" oder dem anschließenden "The Sun" dürften Naked Lunch bei diversen Cinema-Produzenten offene Türen einrennen.

Chorale Vocals, in Hall gebettete Drums, flächendeckende Synthies und das tränenevozierende Organ von Frontmann Oliver Welter katapultieren den Hörer gleich zu Beginn in tiefenentspannte Melancholie-Sphären fernab von Jubel, Trubel und Heiterkeit. Nicht minder opulent kommt "At The Lovecourt" daher, dessen Dynamik und Lautstärke sich nach und nach steigert, ehe der Song zum Ende hin mit Breitwand-Keyboards im Background in sphärische Welten abtaucht.

Große Melodien reihen sich nahtlos aneinander wie hungrige Traditionsgeschädigte vor einer Gänsefarm zur Weihnachtszeit. "All Is Fever" sprudelt nur so vor eingängigen Harmonieläufen, ohne aber in kitschige Allerwelts-Territorien abzudriften. Wahlweise hauchzart und unterschwellig ("Shine On", "Dreaming Hiroshima") oder impulsiv und ausdrucksstark ("Lonely Boy", "41") verliert sich das Quartett in Kosmen voller Sehnsucht, Traurigkeit und Melancholie.

http://poolbar.at/system/asset/filename/14515/nakedlunchfever.jpg
Trotz all der anmutenden Schönheit an der Oberfläche sucht man oftmals vergebens nach der heilenden frohen Kunde in den Tiefen des Songwritings. Nicht immer treffen sich Hoffnung und Ohnmacht in der Mitte. Immer wieder spült der musikalische Ozean aus Tränen einfach alles hinfort und lässt nichts übrig außer gerötete Augenränder. Lechzende Hoffnung kämpft dann mit innerer Leere und man einigt sich letztlich auf Unentschieden. Sicher: Man kann nicht immer gewinnen, aber in diesem Fall hätte sich ein Sieg besonders schön angefühlt.

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