Poolbar Blog

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poolbarT: SOHN – Tausend Gefühle

Ein weiteres Jahr neigt sich zumindest was das Datum angeht dem Sommer zu: Die 20. Runde des poolbar-Festivals begann gestern Abend leicht verregnet mit einem Geheimtipp: S O H N.
von Lukas Ortner

Für das Jubiläum habe ich mir eigentlich vorgenommen, ausführlicher und objektiver als die Jahre davor zu schreiben – ja man glaubt es kaum mit was für verbalen Konfrontationen man sich herumschlagen muss, wenn man vielleicht nicht ganz das schreibt, was gewisse Leute hören wollen. So bekam ich zum Beispiel was den letztjährigen CRO-Text angeht sowas zu hören wie „Wenn du die Musik nicht magst, dann geh nicht auf so ein Konzert“ (und das ist die entschärfte Version). Fakt ist: Die Texte (die übrigens ab sofort aufgrund meines Erscheinungsbildes unter dem Namen „poolbarT“ laufen) sind mein persönlicher Eindruck des Abends – was die Atmosphäre, die FestivalbesucherInnen und das Konzert an sich angeht. Dass ich nicht immer richtig liegen kann, ist klar – bestes Beispiel ist der OK GO-Text von 2011. Ich lasse mich natürlich sehr gern belehren. Nun ja. Genug sinnfreies Uninteressantes von mir – gestern war ein Konzert.

New Stuff/ New Staff

Nach einigen organisatorischen „Problemen“ wurde mit leichter Verspätung das Tor zum Pool, dem gestrigen Veranstaltungsort geöffnet – der musikalische Teil konnte nach kurzem Wohnzimmercheck und etwas Verfolgen des Popquiz nun endlich starten. Neben Neuerungen wie der Architektur (scheint aufwendig gewesen zu sein – der Geruch nach Farbe und Kleister lag jedenfalls immer noch in der Luft) und dem Zusatz „Green Event“ gab es auch auf und um die Bühne einigen frischen Wind: Damit will ich jetzt nicht lahm auf die neue Lüftung hinweisen – ja das ist gut, sehr sogar, aber da es gestern sowieso nicht heiß war, kann man noch kein Urteil fällen – sondern mein Hauptaugenmerk auf das neue Technikerteam legen. Auch wenn es zu Anfang einige wenige technische Komplikationen gegeben hat, kann man die Sound- und vor allem die Lichttechnik nur loben. Endlich richtiger Einsatz des Equipments, vielen Dank.

Aber nun zur Musik.

Tausend Gefühle…

Schon 2011 beim Soundsnoise-Festival einen guten Eindruck hinterlassen, startete A Thousand Fuegos den gestrigen Abend als Support-Act. Passender kann ich mir eigentlich eine „Vorband“ nicht vorstellen. Mit schwerem Synthie-Geschütz auffahrend wurden die FestivalbesucherInnen dazu aufgefordert, wegzudriften, trotz technischer Probleme (w.o. erwähnt) saß der Schnauzer von A Thousand Fuegos a.k.a Matthias Peyker – und selbiger ruhig vor dem sich langsam füllenden Pool. Abwechselnd zwischen Gitarre und Synth, stets begleitet von dezent aber teils auch wummernden Electro-Beats sang er über die Unwissenheit, über Trauer, über Wegrennen-und-es-doch-nicht-können (wie schon Jeff Buckley: Too young to hold on and too old to just break free and run.). Das ging zumindest mir durch den Kopf. Peyker hat sich auf jeden Fall weiterentwickelt – gesanglich und auch was das Arrangement und den Aufbau der Songs angeht. Sehr schön, vielen Dank.

Wie in den Jahren und Texten zuvor würde jetzt eigentlich der Absatz über den Hauptact kommen – aber das muss kurz warten. Denn schon bei A Thousand Fuegos zeichnete sich etwas ganz klar ab: Das über alle Maßen störende Stimmengewirr der Besucherschar. Vielleicht bin ich was das angeht auch empfindlich, aber ich kann einfach überhaupt nicht nachvollziehen, wie man vor einer Bühne stehen kann, auf der sich eine Person befindet, die wunderbare Melodien aus der Gitarre wirft, ruhig aber definitiv ein musikalisches Erlebnis bietet - und sich dann über die Arbeit unterhalten?! Und das dann möglichst laut, als müsse man die Band, der eigentliche Grund für das ganz Dort-Sein und Eintritt-zahlen usw., übertönen. Ich schimpfe nicht, ich rege mich nicht auf (das hab ich gestern schon genug getan), sondern ich bitte dich/euch: Was meint ihr für was das Wohnzimmer da ist? Es gibt Leute auf solchen und generell auf Konzerten, die vielleicht dort sind weil sie die Band interessiert. Nur so eine Vermutung. Also bitte seid so nett.

… und neu erfundene Räder

Genug davon: Nach ein paar Minuten und einem Beruhigungsbier gings dann schon weiter. Das Trio rund um Sänger und Multiinstrumentalist SOHN, selber kein unbekanntes Gesicht in der poolbar, betrat die Bühne. Drum-Machine-Beats und Synthie-Melodien wurden an die Wände des Alten Hallenbades geschmettert, die wunderbare Stimme des Sängers (kurze Anmerkung: JA, er ist es. Aber das wird hier nicht namentlich erwähnt – ich will SOHN nicht auf das reduzieren. Jedoch soviel soll gesagt sein: Kein Vergleich!) verwuchs sich in die tiefgründigen, grandiosen Lyrics. Entnervt von den sich lautstark unterhaltenden .. Personen vor mir floh ich in die vorderen Reihen – ausverkauft hatte der Abend nicht in petto, aber das Konzert war gut besucht – was in Sachen Gequatsche aber nicht wirklich einen Unterschied machte. Sehr schade, dass es Leute gibt die nicht merken, wie störend das ist. Wie oben erwähnt. Die Stimmung, die Richtung schon vorgegeben von A Thousand Fuegos nahm SOHN das Publikum mit auf eine gefühlsbedingt unbehagliche Reise zwischen Selbstzweifel und Loslassen. Qualitativ auf einem hohen, wenn nicht dem höchsten Niveau stimmte das Trio ihren bekannten Song „Bloodflows“ an (Tipp: das Musikvideo dazu!) – und diesen einen Song schaffte es das Publikum bzw. der große störende Teil davon mehr oder weniger still zu sein und die Smartphones in den Hosentaschen zu lassen. Endlich keine Plastikbildschirme die mir die Sicht versperrten.

Aus dem Zusammenhang gerissen: Nach dem Konzert erzählte mir ein Bekannter, der aus Belgien stammt, dass der Sicherheitsdienst dich aus der Location entfernt, solltest du mit deinem Handy oder mit deiner Kamera ein Foto machen bzw. mitfilmen. Sollte man hierzulande auch mal ausprobieren.

Meine Erwartungen wurden erfüllt, ja, wenn nicht sogar übertroffen. Auch wenn ich so ziemlich einiges gegen das „Hoch-Hypen“ von Bands habe, bei SOHN ist mir klar geworden, wieso sie so gefragt sind: Das Trio bespielte schon Bühnen rund um den Globus, unter anderem sogar beim berüchtigten SXSW. Nicht schlecht.
Dass die Musik im Mittelpunkt steht, merkte man nicht nur am unter einer Kapuze versteckten Gesicht, nein auch die Bühnenbeleuchtung (grandios!) erfüllte ihren Zweck. Dunkel gehalten, immer wieder mit verschiedenfarbigen Lasern durchzogen und dezent eingesetztem Stroboskop erschuf sich eine Klangwelt, die meiner Meinung nach schwer zu toppen sein wird: Langsam aber sicher wurde mir klar: Das ist jetzt schon eines der Highlights des diesjährigen poolbar Festivals! Nach dem wunderschönen Song „Red Lines“ verknüpfte sich der Sound in immer synthielastigere Stücke, nur um in einem Autotune-Song den Höhepunkt zu finden (welcher mich stark an eine DeepHouse-Version von Bon Ivers „Beth/Rest“ erinnerte), als Zugabe gabs dann noch „The Wheel“ und die Zuschauer (zumindest der interessierte Teil davon) wurden mit einem Gefühl irgendwo zwischen Erleichterung und Beklommenheit in den Regen entlassen. SOHN hat zwar nicht das Rad neu erfunden, allerdings stellt man sich die Frage, was wäre wenn. Sehr schön. Vielen Dank.





Die vollständige Galerie gibt es demnächst HIER!

Ein würdiger Start in das nun endlich nicht mehr zu den Teenagern zählende poolbar Festival, man darf gespannt sein ob gewisse Leute noch lernen ruhig zu sein und was die anderen Abende noch bringen werden – next stop: Friska Viljor, morgen Abend.

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