Poolbar Blog

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poolbarT: Kaputte Ohren

Review von Lukas Ortner

Lange über eine Einleitung nachgedacht, zum Beispiel „Ein weiteres Highlight des poolbar Festivals“ oder „Die Legenden des Shoegaze zu Gast im alten Hallenbad“. Nicht notwendig. Voilá: My Bloody Valentine, eingeläutet von Mile Me Deaf.

„Jugendlicher“ Wahnsinn

Der Abend fing für mich persönlich etwas hektisch an – konnte ich am Feldkircher Bahnhof beim besten Willen keine Rikscha entdecken – und so stresste ich mit dem Kopf noch bei der Arbeit in die Halle und erlebte gerade noch die letzten 3 Songs des Wiener Kollektivs Mile Me Deaf. Ein treibendes Drum, jaulende Gitarren, die sphärisch in verschiedensten Echo-Dimensionen herumirrten und ein epileptisch-tanzender Bassist – eine wilde Mischung aus Shoegaze und Grunge. Ich hatte Bilder von Sonic Youth oder ferner der Talking Heads in selbigem. Das fing schon mal sehr gut an. Als vorletzten Song gabs auch die gehypte Single „Brando“ zu hören. Kein Vergleich zur Aufnahme. Rau. Ungeschliffen. Typisch für Sänger und Gitarrist Wolfgang Möstl, einigen wahrscheinlich auch bekannt als Frontmann der Truppe Killed By 9V Batteries oder als Mitglied der Sex Jams, gabs zum Schluss gewaltiges Chaos, da wurden Effektgeräte gequält und Gitarren verhauen. Ich mag das sehr.

Mile Me Deaf für mich leider ein kurzes Vergnügen, begab ich mich zum Nervenberuhigen auf die Terasse und da zeichnete sich auch gleich das Hauptthema des Abends ab: Die BesucherInnenanzahl. Geschätzte 200 Personen standen da in kleinen Gruppen zusammen, viel weniger als ich mir erwartet hatte. Doch zum Großteil bestanden diese BesucherInnen aus wirklichen MBV-Fans. Ich unterhielt mich mit bekannten Gesichtern aus der Vorarlberger Szene für Alternativ-Musik (nennen wir das jetzt einfach mal so) und das Feedback war klar: „Die großartigste Band der letzten 30 Jahre“, „Ich hab ja schon viel gesehen, aber die Technik…“ hagelte es da an einer Tour. Ich wurde gespannter, fühlte ich mich dann doch mehr als Laie als ich zu anfangs.

Einmal Gehörsturz, bitte

Da ein absolutes Fotoverbot auf Wunsch der Band hin ausgesprochen wurde, versuche ich nun so gut es geht zu erläutern, was sich da an Equipment auf der Bühne befand: Verstärkerboxen, Verstärkerboxen, Verstärkerboxen, Schlagzeug, Mikro, Verstärkerboxen, Keyboard, Verstärkerboxen, geschätzte 100 Effektpedale und natürlich Verstärkerboxen. Durch verschiedenste Gespräche hatte man mich schon im Vorfeld gewarnt, es könnte etwas laut werden. Mit Ohrenstöpsel bewaffnet erwartete ich nun einiges, blies mich doch Mogwai bei ihrem letztjährigen Auftritt auch schon ziemlich weg.

Mit leichter Verspätung betrat My Bloody Valentine, die irisch/englische Shoegaze-Vertretung rundum Kevin Shields und Bilinda Butcher die Bühne. Und ja, es wurde laut. Die Instrumente verirrten sich in den Effekten und wurden mit 10fachem Delay, Reverb und Echo hinausgeschleudert, der Gesang typisch Shoegaze-lustlos und mehr ein Instrument im Hintergrund, das Schlagzeug abwechselnd zwischen ruhig und – ja – nicht ganz so ruhig, der Hintergrund beleuchtet von leicht psychodelisch angehauchten Visuals. Ich machte 2-, 3-mal den Versuch und nahm die Ohrstöpsel heraus. Hoch-oktavierte Gitarrenspuren rissen gleich gewaltig an meinem Trommelfell, hämmerten dagegen. Kein Vergleich zu Mogwai, was weniger Geschrammel war und nicht so extrem schrill, so konstant laut.

Die Musikfreaks, oder netter, FestivalbesucherInnen, waren gefangen von der Soundpalette die die fünf MusikerInnen hier zusammenmischten. Wie schon erwähnt, es handelte sich hierbei um einschlägige Fans der Band oder zumindest des Genres. Zu Letzterem zähle ich vermutlich nur ein bisschen, Bands wie Slowdive, Lush oder Neueres wie The Radio Dept. und The Fauns kann ich durchaus aufzählen und anhören (name dropping: check!). Nach gut 1 ½ Stunden verabschiedete sich die Truppe von dem knapp am Tinitus vorbeigeschrammten Publikum. Fazit: Ich habe mir schwer getan, wirklich sehr schwer, die Begeisterung Einiger zu teilen. Es war eine gute Shoegaze-Show. Für meinen Geschmack zu lustlos, zu unspektakulär – aber dazu kann ich nur zu mir selber sagen „Was hast du dir erwartet? Das ist hald das Genre.“

Ich war auch nicht der Einzige, der seine Probleme damit hatte, war doch das erste Kommentar eines befreundeten Musikers „Ich würde sie so gern mögen, weil ich die Karte gekauft habe, aber es geht einfach nicht“. Unterm Strich: Für Fans wahrlich ein Erlebnis, für Musikbegeisterte eine neue Erfahrung, für mich zu laut. Trotz Ohrenstöpsel.

Inzwischen höre ich wieder besser – das wird gleich heute Abend geändert: Stator, Tracker und Red Fang.




Alle Fotos gibt es HIER!

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