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poolbarT: Amouse-Oreille

Review von Lukas Ortner

Das Wetter spielte leider nicht ganz mit, doch die Wolken kamen dann stimmungsgemäß doch fast wie gerufen: Der australische Singer/Songwriter Scott Matthew war zum wiederholten Male zu Gast in Feldkirch, eingeläutet wurde der Abend von der One-Man-Show Prinz Grizzly.

Monarchie zu Anfangs

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Gerade noch trockenen Fußes ging es pünktlich in den Pool – akustisch sicher die weisere Entscheidung – zum gestrigen Support-Act Christoph Comper a.k.a. Prinz Grizzly aus dem Bregenzerwald. Seines Zeichens Gitarrist und Sänger des Vorarlberger Indie-Kollektivs Golden Reef schlägt Comper mit seinem Solo-Projekt ruhigere Klänge an. In sitzender Position, eine Bassdrum vor sich, ein Synthesizer links von ihm, präsentierte er seine Songs – das Publikum erwartete eine Reise durch Folk- und Blues-Gefilde, der Grizzly war angekommen, befand sich in seinem Territorium. Ein bisschen Dylan, ein bisschen Johnny Cash, ein bisschen Bonnie „Prince“ Billy. Von letzterem gabs noch eine Eigeninterpretation von „I see a darkness“ (Man fragt sich, ob der Grizzly wegen diesem Herren vielleicht Prinz ist?). Zwischen den Songs bekam man den typischen Wälder-Humor zu spüren, während der Songs war man Zeuge des Könnens an der Gitarre und am Slider - und schon in der Zeit des Bärs zeichnete sich deutlich ab: Das Publikum war leise. Sehr leise. Es wurde kaum geredet, aber dafür gebührend geklatscht und gelacht. Zum Abschluss loopte Comper noch ein Gospel-angehauchtes Stück und hinterlies einen sehr guten Eindruck. Dankeschön. Gerne wieder.

Melancholie deluxe

Nach kurzem Umbau betrat der australische Hauptact Scott Matthew die Bühne. In typischer Manier ein lebensfroher und sympathischer Mensch, wurde der Lichttechniker doch gleich zu Beginn gebeten, die Scheinwerfer zu dimmen, da es Mr. Matthew etwas blendete („I am sorry, but I am old!“). Daraus resultierend saßen er und sein musikalischer Unterstützer namens Jürgen dannim Dunkeln. Das letzte Mal vor 2 Jahren ebenfalls im pool gesehen (http://poolbar.at/blog/1102) war ich gespannt, inwiefern sich der australische Ausnahmemusiker weiterentwickelt hatte. Und ich und das restliche Publikum wurden mitgerissen auf einen Ausflug in die 70er und 80er – war der Opening Track Scotts' Interpretation des Bee Gees Songs „To Love Somebody“.

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Sein neuestes Werk nennt sich „Unlearned“: Eine Zusammenstellung der Songs, die Scott Matthew geprägt haben. Natürlich nicht aller. Denn wenn man den Booklet-Text durchliest merkt man, dass so ein Prozedere kein einfaches Unterfangen ist: Die Selektierung der Nummern, die dezente Instrumentierung. Und doch schafft das neue Werk des in New York lebenden Musikers etwas ganz Spezielles: Ich habe mich ertappt, auf meinem Balkon sitzend, zu einem meiner absosluten Hass-Songs mit zunicken und zu -singen, „I wanna dance with somebody“.

Auch im pool wurde dieser Wunsch geäußert und die Bitte, mitzusingen, durch ein kurzes „My happiness depends on the singing level“ noch verstärkt. Als hätte das gesamte Publikum durch das Nicht-sprechen während der Songs alles aufgestaut, sang jeder, von der ersten Reihe bis zu letzten mit.

Ich persönlich befand mich auf einem emotionalen Karussel, in einer Melancholie-Achterbahn. Ich wippte zu Songs von Rod Stewart und Neil Young mit, mit „einem lächelnden und einem weinenden Auge“. Die dezente Besetzung mit teils zweistimmigem Gesang, 1 bis 2 Gitarren abwechselnd mit Ukulele fiel in den Hintergrund, war wie schon bei seinem letzten Konzert Matthews' zerbrechliche Stimme im Vibrato raumerfassend. War der gesamte Abend ein Highlight für mich, das dieses Jahr schwer zu toppen sein wird (Come on, Japandroids, give it try!), waren dann doch 2, 3 Situationen ausschlaggebend dafür, dass ich zum wiederholten Male nicht ganz objektiv schreiben kann: Ein Cover, dass es nicht aufs Album geschafft hat, hat mich schwer überwältigt. Scott machte sich selber nichts vor und spielte eine Akustik-Ukulele Version von „Anarchy in the U.K.“. Traumhaft.

Natürlich könnte man auch auf gewissen Sachen herumreiten – es klang Vieles gleich, die Witzeleien zwischen den Songs waren überflüssig, der Sound war teilweise schlecht abgemischt. Aber unterm Strich: Dem war nicht so. Die Sprüche waren sympathisch, genau das was so eine Show braucht und so speziell macht. Und eines ist Scott Matthew definitiv nicht: Ein Musiker mit Starallüren. Denn noch nie (wirklich noch nie), habe ich einen Musiker gesehen, der sich bei der Zugabe dafür entschuldigt, dass er mit der frisch angezündeten Zigarette auf der Bühne steht, ist doch Rauchverbot im Pool.

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Der Melancholie und Nostalgie floh ich etwas in das eine oder andere Bier, und so konnte ich es mir nicht verkneifen, meinen Musikwunsch auf die Bühne zu rufen (Love will tear us apart) – der dann sogar (laut dem Australier ausnahmsweise) erfüllt wurde.

Das Fazit: Bisher definitiv einer der besten, wenn nicht der beste Abend – der zu später Stunde auch noch mit einem persönlichen Gespräche mit Scott Matthew endete. Sehr schön. Tausen Dank.

Wer in nächster Zeit die Gelegenheit hat, dieses Ausnahme-Genie live zu erleben, dem empfehle ich das. Wärmstens.

Alle Fotos stammen wie immer von Matthias Rhomberg (rhomberg.cc). Die gesamte Galerie mit Bildern zur Lesung zur Ticket-Literatur, Scott Matthew, Prinz Grizzley und zur Art en Air Feuershow gibt es wie immer HIER.

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