Poolbar Blog

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poolbarT: musique extraordinaire

Review von Lukas Ortner

Nach dem düsteren Vista Chino Konzert gings gestern, dem heißesten Tag des Jahres (angeblich – aber heute ists auch nicht viel kühler), erneut nach Feldkirch zum alten Hallenbad. Ein Abend im Zeichen extravaganter Musik – ein Abend mit Giantree und Patrick Wolf.

Leider Nein

Und eben dieser Abend sollte mit einer Enttäuschung beginnen: War ich darum bemüht, noch ein paar Sonnenstrahlen abzukriegen, gings erst ein bisschen später Richtung Feldkirch, aber genau eingeplant pünktlich zur Vorband, am Wochenende bequem mit den Öffis. Genau – bequem. Denn die Tatsache, dass aufgrund einer Baustelle Schienenersatzverkehr besteht und dieser wegen der üblichen Inkompetenz (beinahe Inkontinenz geschrieben...) gewisser Verantwortlicher der Zuglinie natürlich nicht funktionierte, machte mir einen gehörigen Strich durch die Rechnung. So befand ich mich, mit den Gedanken schon in der Halle, pünktlich zu Beginn von Giantree am Bahnsteig in Götzis. Sowas ist immer ganz fein. Nach dem darauf folgenden Spurt durch die Feldkircher Innenstadt und dem Get In mit der Gästeliste (das wieder reibungslos vonstatten ging) hastete ich die Treppen hinauf in de Konzertraum, damit ich die letzte halbe Minute der Vorband dann auch noch mitbekam. Ein Chaos mit Gitarren und Becken, ein Synthie-Wirrwarr – ein Outro, das mir gefiel.



Gequatsche, Extravaganz, Selbstheilung

Nach diesen Strapazen war eine Abkühlung unverzichtbar, und auch wenn die Getränke entsprechend kalt waren, war es kaum möglich, neben den Mücken, der trotz später Uhrzeit hohen Hitze, der regen BesucherInnenschar und dem ORF, welcher mit seiner Kamera eben diese Schar interviewte und blendet, ein bisschen runter zu kommen. Ein bisschen nützte dann vielleicht noch Das Vinyl lebt! 6800 West im Brutkasten mit Smooth Soul Sound, aber gestresste Gemüt kam nicht ganz zur Ruhe. Nun, genug von der persönlichen Verfassung – weiter zum persönlichen Eindruck.

Mit kaum erwähnenswerter Verspätung betrat Patrick Denis Apps a.k.a. Patrick Wolf die Bühne und begrüßte das Publikum mit einem kurzen, schüchtern wirkenden „Hello“. Als Virtuose am Klavier lies er es sich nicht nehmen, das Konzert an eben diesem zu beginnen. Ein ruhiger Song – für ein leider nicht ruhiges Publikum. War der Abend nicht ausverkauft, war die Halle doch gut gefüllt. Und was sich schon bei SOHN abzeichnete, wobei ein Glen Hansard die verbale Faust ausgepackt hätte oder eine Anja Plaschg zornig, bockig die Bühne verlassen hätte – ja, das war auch gestern ein ganz großes Manko: Das verdammte Quatschen. Nach wie vor komme ich nicht mit bei sowas. Ich besuche eine Show damit ich den Künstler/die Künstlerin aufmerksam anschauen, zuhören und erleben kann. Zumindest Shows aus dem Genre von oben genannten MusikerInnen, bei einer Hardcore-Show ist sowas ja schnurz. Nevertheless, das was da gestern ablief von seitens des Publikums war einfach nicht zumutbar. Natürlich, verallgemeinern darf man hier auch nicht, aber in den vorderen Reihen im Kreis stehen und lautstark Shots hinunterschütten, so etwas muss einfach nicht sein. Bei keiner Show.


Unterstützt wurde Mr. Wolf von einer Violine und einem Akkordeon, er selber wechselte vom Flügel zur Gitarre, zur keltischen Harfe - und ein Song lang wurde der Ventilator als Tanzpartner und Hintergrundgeräuschkulisse zweckentfremdet (hierzu empfehle ich wieder einmal, die Fotos anzuschauen). Auch das Bühnenoutfit strotzte vor Extravaganz, und, wie sollte es anders sein, once again, Patrick Wolf dyed his hair. Hatte er im Musikvideo zu der Single „The Magic Position“ noch einen Rotschopf, bei „Hard Times“ blonde Haare und beim letztjährigen Album eine braune Pilzfrisur, gab er gestern mit einer schwarzen Mischung aus Side Cut und Popperlocke sein Programm zum besten. Und jetzt genug über Fashion und Aussehen.

Stark angetan von der Sängerin Björk, auch als Epigone dazu assoziiert, stellt sich Patrick Denis Apps als Kunstwerk dar, die Selbstdarstellung rückt in den Mittelpunkt und ist beinahe ausschlaggebender für den Verlauf des Konzerts als die Songs selber. Und genau deshalb verzeiht man gelegentliche Ausrutscher, die gestern durchaus vorhanden waren. Denn nicht grundlos waren Fans aus Russland schon am Nachmittag vor Ort, um ihm Blumen zu überreichen – und was fast unglaublich wirkte, ein Gast kam aus Singapur (echt jetzt?). Ein abstrakt angehauchter Tanzstil ist genau so markante Eigenschaft wie die unglaublich kraftvolle Stimme.


Heute vor 10 Jahren erschien Patrick Wolfs Debüt-Full-Length-Album Lycanthropy, was der Herr am gestrigen Abend auch nicht nur einmal erwähnte. Für Fans (größtenteils die Leute, die nicht am quatschen waren) ein Highlight, lies es sich der Künstler nicht nehmen, Songs davon und aber auch von der 2002er EP darzubieten. Textlich und auch Instrumental (Wolf spielt mehrere Instrumente, neben Klavier, Gitarre und keltischer Harfe auch Violine, Flöte und Theremin) auf absolut hohem Niveau – hierzu der Tipp, man möge sich die Texte von Lycanthropy zu Gemüte führen – war die Show für mich ganz anders wie erwartet. Hätte ich doch gedacht, dass er vielleicht mit einer ganzen Band anreist, einem Streicher-Quartett oder sonstigem, hielt Patrick Wolf seine Show so minimalistisch wie möglich, ohne dass die Qualität Leid davon trug. Sichtlich motiviert sprang er dabei von den happy peppy Songs wie oben genanntes „The Magic Position“ oder „The City“ auch zu düsterem, traurigen Sounds a lá „Teignmouth“. Geprägt von sexuellen Identitätsschwierigkeiten und als jugendliches Opfer von Mobbing verschachtelt Wolf seine Gefühle in kleine musikalische Meisterwerke – wie so viele nutzt auch der 30-jährige (gut gehalten!) Halbire Musik als Eigentherapie, als Ventil, als Selbstheilung. Eine spritzigere Version von Antony Hegarty, visuell ein bisschen Owen Pallett (hach, name dropping, my dearest!) und musikalisch von pompös bis melancholisch ruhig.

Im Endeffekt war auch der gestrige Abend ein weiteres Highlight des poolbar Festivals (dieses Jahr gibt’s ja fast nur solche!). Patrick Wolf hatte sichtlich Spaß an dem ganzen Prozedere und nahm das wirklich nervtötende Gequatsche gelassen hin. Persönlich hoffe ich, ihn wieder zu sehen, damit ich mich vielleicht auch mal nur auf ihn konzentrieren kann. Danke Wolfspatrick.
Heute wird noch mit maschek gelacht und morgen dann endlich mit den langersehnten Japandroids gefeiert.

Die gesamte Galerie zum Musikabend mit allen Fotos von Matthias Rhomberg (rhomberg.cc) gibt es HIER, aber auch zu den Swingveranstaltungen mit Lindy- bzw. Solo Charleston-Workshop bzw. dem Konzert der Cotton Lickers gib es HIER eine Galerie!

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