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R.I.P. Lou Reed

Lou Reed war Dichter, Geräuschkünstler und ein Musiker, der sich nie auf etwas festlegen lassen wollte. Mit seinem Werk verweigerte er sich allen Ewiggestrigen. 

Dieser Nachruf auf Lou Reed ist unter dem Titel "Der Disharmonische" am 28. Oktober 2013 auf der Online-Präsenz der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT erschienen. Autor: Frank Schäfer.

Eins seiner Live-Alben nannte Lou Reed vollmundig "American Poet". Ein Latrinenlaureatus in der ehrwürdigen Tradition der Beats wollte er von Anfang an sein. Und seine im apathisch-heruntergekühlten Sprechgesang intonierten Songs klangen nicht selten wie vertonte Lyrikvorträge – zuletzt einmal mehr zu hören auf "Lulu", seiner grandios gescheiterten Zusammenarbeit mit Metallica.

Von seinem Universitätslehrer, dem Dichter Delmore Schwartz, protegiert, beginnt er Anfang der sechziger Jahre Gedichte und Literaturkritiken zu publizieren. Aber erst mit seinem Umzug nach New York entwickelt er eine eigene lyrische Stimme. Im libertinären East-Village-Künstlermilieu macht Reed genügend Erfahrungen, über die sich schreiben ließ. Den drogistischen und sexuellen folgten auch bald formale Grenzüberschreitungen. Die hiesige Pop-Avantgarde schießt damals gerade die Festungsmauern der E-Kultur sturmreif. Und Reed lernt, nicht zuletzt im Zusammenspiel mit seinem Mitbewohner John Cale, dass man die Suggestionskraft eines Gedichts mit ein paar lauten Gitarrenriffs und einem monotonen Beat im Rücken durchaus noch steigern kann. Nicht zuletzt, indem man dazu Dias oder Filme zeigt.

 

Mit Velvet Underground bringt er eine solche Mixed-Media-Performance erstmals auf die Bühne. Andy Warhol wird aufmerksam, managed die Band und inkorporiert sie seiner sensationsheischenden Multimedia-Assemblage "Exploding Plastic Inevitable", mit der er durch Nordamerika tourt. Der mit Disharmonien und Verzerrungen experimentierende düstere Proto-Punk-Sound der Band – inspiriert von der Minimal Music des Free Jazzers La Monte Youngs – ist zunächst kommerziell wenig erfolgreich. Sein Einfluss auf die Musikhistorie aber bis heute virulent.

Reeds Songs aus dieser Zeit, seine ironische Fixerhymne "I’m Waiting for the Man", seine Sacher-Masoch-Adaption "Venus In Furs" und seine sinistren, kalkuliert provokanten Drogen-Apotheosen "White Light/White Heat" und "Heroin", live gern vorgetragen mit grinsender Fixer-Pantomime, waren stets die Referenzgrößen, an denen man sein Soloschaffen nach seinem Ausstieg 1970 gemessen hat. Meistens zu seinen Ungunsten. 

 

Die von David Bowie und dessen Gitarristen Mick Ronson initiierte Glam Rock-Liaison auf dem Album "Transformer", mit dem einzigen Hit seiner Karriere, "Walk On The Wild Side", einer Hommage an ein paar schräge Vögel aus Warhols Factory, ließ man ihm gerade noch durchgehen. Aber schon die vom Breitwand-Produzenten Bob Ezrin mitverantwortete, opulente Junkie-Oper "Berlin" stieß auf ziemliches Unverständnis. Auch hier hat die Rockgeschichte mittlerweile ein milderes Urteil gesprochen.

"Ein gigantisches FUCK YOU" an alle Ewiggestrigen

Völlig vor den Kopf stieß Reed die Kritik dann mit dem Noise-Experiment "Metal Machine Music". Ein Doppelalbum nur aus Geräuschen, Netzbrummen, elektronischem Blubbern und modulierten Gitarrenfeedbacks, allerdings durchaus strukturiert zu rhythmisierten Soundclustern. Jede Seite ist genau 16:01 Minuten lang. Man kann das immer noch nicht wirklich hören, aber "als Statement ist es großartig", wie der ihm stets in Hassliebe verbundene Lester Bangs mit Recht schwärmte, "als ein gigantisches FUCK YOU" an alle Ewiggestrigen, die ihn bis ans Ende seiner Tage auf Velvet Underground festzulegen versuchten. Als solches "zeugt es von Integrität – einer kranken, verdrehten, irren, bösartigen, pervertierten, psychopathischen Integrität, aber nichtsdestoweniger Integrität". Und die Virtual-Sound-Nerds von heute haben das Album ohnehin längst kanonisiert.

Als die Punks gegen Ende der Siebziger Reed als einen ihrer Veteranen entdeckten, kam seine Karriere abermals in Schwung. Er spielte vor ausverkauften Häusern, und die in der Folge entstehenden Alben orientieren sich wieder stärker an der rohen, düsteren, reduzierten Rockmusik seiner Frühzeit, nicht zuletzt "Blue Mask", mit Robert Quine an der Gitarre, einem erklärten Velvet-Underground-Aficionado. Von einigen Ausflügen in die Electronic-Abteilung, etwa an der Seite seiner späteren Ehefrau Laurie Anderson, und Theater-Projekten mit dem Choreographen Robert Wilson abgesehen, ist er auch danach immer wieder auf das Retro-Avantgarde-Format der frühen Jahre zurückgekommen, und sei es nur, um den Backkatalog lieferbar zu halten.

1993 kam es sogar noch einmal zu einer Reunion von Velvet Underground, die zumindest ihre damals nicht zustande gekommene Europa-Tour nachholen konnten, bevor sich die beiden Egomaniacs Lou Reed und John Cale einmal mehr zerstritten. In der Folge verwaltete Reed vor allem seinen Ruhm.

In den letzten Jahren häuften sich die Kollaborationen mit jüngeren Künstlern wie Groovefinder, Killers, Gorillaz und eben Metallica. Die Jüngeren durften sich eine Weile in der Aura des Rock-Veteranen sonnen und damit einen ersten Anspruch auf den Platz im relevanten Traditionszusammenhang erheben – dafür erschlossen sie dem Alten neue Hörergenerationen. Reeds Arbeit am Nachruhm hatte begonnen.

Dass er so alt werden würde, um sich darüber Gedanken machen zu müssen, hätte wohl kaum einer erwartet damals. "Warum gibt es diesen Typen immer noch, dessen ganze Karriere seit 1966, als Velvet Underground total kaputt auftauchten, auf Zuckungen im Endstadium basiert?", fragte sich Lester Bangs bereits 1975. Im Mai diesen Jahres hatte ihm eine Lebertransplantation noch einmal das Leben gerettet. Am 27. Oktober ist Lou Reed, 71 Jahre alt, an deren Folgen gestorben.

 

Der deutsche TV-Sender ARD widmet dem verstorbenen Lou Reed ein großes Special mit Interviews und Mitschnitten: HIER

 
Und auch das Vienna International Film Festival Viennale, wo Lou Reed 2010 zu Gast war, ändert zum Anlass seines Todes sein Programm und präsentiert am 31. Oktober einen Abend mit Musik und Lesungen unter dem Titel "An Evening to Remember: A program dedicated to Lou Reed" im Viennale Festivalzentrum, Dominikanerbastei 11, 1010 Wien.
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