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The Hidden Cameras - Age

Vier Jahre nach dem letzten Longplayer veröffentlichen The Hidden Cameras Ende Jänner endlich ein neues, das bereits fünfte Studioalbum. Auf "Age" dekonstruiert Joel Gibb, Frontman und Kopf der kanadischen Band, die Musik seiner Jugend.

Eva Umbauer hat sich für Radio FM4 mit dem neuen Meisterwerk der Hidden Cameras auseinandergesetzt:

 

Ganze zwölf Jahre gibt es The Hidden Cameras nun schon. Die Band war die erste kanadische, die vom legendären Rough-Trade-Plattenlabel in London unter Vertrag genommen wurde. Schöngeistig, opulent und überbordend. "In jeder Bewegung von Hidden Cameras-Mastermind Joel Gibb steckt die standhafte Eleganz eines Dirgigenten", heißt es treffend im Pressetext zu einer der beiden neuen Singles der Hidden Cams: "Schwungvoll maniriert, (...) irgendwo zwischen Oscar Wilde und Charles Baudelaire."

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Das neue Album "Age" ist düster und in F-Moll gehalten. Joel Gibb will hier nicht in erster Linie wissen, wer er ist, sondern wie er zu seinem jetzigen Ich geworden ist. Songs wie die Lead-Single des Albums "Gay Goth Scene" dekonstruieren, wie Joel Gibb sagt, "die Musik meiner Teenagerjahre - von Punk bis zu New Wave, meine musikalischen Wurzeln."

Deshalb gibt es da dann auch eiskalte Drumbeats, die an "Bela Lugosi's Dead" der britischen Band Bauhaus erinnern, oder düsteres Crooning - so wie Joel Gibb über epische Streicherakkorde singt. Aber auch ein Waldhorn und ein Piano, an dem Joel Gibbs kanadischer Musikerkollege Chilly Gonzales Platz nimmt. Oder die überirdische Stimme von Mary Margaret O´Hara, die einen Hidden-Cams-Song zum Abschluss brachte, den man seit geraumer Zeit von den Konzerten der Band kennt, der aber nie veröffentlicht wurde: O´Hara - die Kanadierin erlangte 1990 mit ihrem Album "You Will Be Loved Again" Kultstatus - singt auf "Gay Goth Scene". Dieses "Gay Goth Scene" ist ein subtiles Monster von Song, das sich in die Gehörgänge schleicht. Überhaupt liegen die Wurzeln vieler Songs von "Age" Jahre zurück, aber erst in der letzten Zeit konnte Gibb sie wiederaufgreifen.

"We don´t want no gay goth Scene", singt Joel Gibb. Es geht um einen fiktionalen Familienkonflikt, in dem Gibb aus der strafenden Perspektive der Eltern singt, während die freie Improvisation von Mary Margaret O´Hara sowohl den zornigen Geist des Teufels, als auch die reine Seele des Protagonisten kanalisiert. Die Wörter "gay" und "goth" als Vorboten des Bösen, der (übertriebenen) Furcht von Mutter und Vater vor einer ihnen unbekannten Welt und der (überzeichneten) Vorstellung einer nicht existierenden "Szene": Der in Berlin lebende Regisseur Kai Stänicke thematisiert in seinem preisgekrönten Kurzfilm zu "Gay Goth Scene" die ausweglose Situation verbotener schwuler Liebe im Schulklassenzimmer.

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"Goths gibt es heute ja nicht mehr wirklich", meinte Joel Gibb kürzlich im FM4-Interview - als er via Wien nach Toronto flog und wo er dann auch wieder landen wird, wenn sein Auftritt mit The Hidden Cameras beim FM4 Geburtstagsfest ansteht, "die Emos haben ihren Platz eingenommen. It's a generational thing."

Die Musik der Hidden Cameras wird gerne als "queercore" bezeichnet. "Ich sehe sie einfach als Popmusik", meint Joel Gibb - "Ich weiß gar nicht wirklich, was 'queercore' genau bedeutet und wie 'queercore' klingt". Wikipedia hilft da weiter: Dort heißt es: Queercore "beschreibt einen Teil der Punkrock- und Harcore-Szene, deren ProtagonistInnen sich offensiv und selbstbewusst zur Homosexualität, Bisexualität und Queerness - 'queer' heißt soviel wie 'sonderbar', also 'von der Norm abweichend', und 'queer' ist homosexuell, im Gegensatz zu heterosexuell ('straight') bekennen und diese auch in ihren Texten behandeln. (...) Insbesondere nach der zweiten Welle öffnete sich die Queercore-Bewegung musikalisch auch dem Electropunk."

Joel Gibb: "I can´t help it I write from my own experience, and there´s so much themes and images to write about from my experiences, I just can´t help put that into my work."

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Der Song "Afterparty" - ebenfalls Teil des neuen Werks der Hidden Cameras - zeigt am Cover übrigens den Wikileaks-Informanten Bradley Manning, seine Umrisse jedenfalls; er wird hier von Joel Gibb als eine Art "queerer" Freiheitskämpfer inszeniert - und ist eines der intensivsten Stücke am Album: "Carry on through the blaze", singt Joel Gibb, der trotz Rückschlägen nie sein Ziel aus den Augen verliert. Der Song hat etwas Tim Buckley-eskes; Tim Buckley, jener tragische US-Musiker aus den 60er- und 70er Jahren, der vom Singen bezaubernder Folkpop-Songs zum animalischen Freejazz-Rocker wurde, mit Alben wie "Starsailor" und "Greetings From L.A."

"Year Of The Spawn" ist nach "Gay Goth Scene" die zweite Single von "Age". Es ist jener Song, bei dem Chilly Gonzales Piano spielt. In "Doom" - einem Stück mit tollem Beat - croont der Bariton Joel Gibb "We can´t escape (...) It´s our own mistake." Weitere Titel sind "Skin & Leather", "Bread For Brat" oder "Ordinary Over you".

 

"Age" von The Hidden Cameras erscheint am 24. Jänner 2014 bei Evil Evil/Rar/Alive. Schon jetzt ist das Album auf Pitchfork im Stream zu hören: HIER.

 

Konzert-Tipp: Ende des Monats kommen The Hidden Cameras für wenige Termine auf Deutschland-Österreich-Schweiz-Tour. Die kanadische Band spielt u.a. auch beim FM4 Geburtstagsfest am 25. Jänner 2014 in der Ottakringer Brauerei in Wien.

The Hidden Cameras live:
25.01. Wien – Ottakringer Brauerei
26.01. München – Milla
31.01. Zürich – Rote Fabrik

 

P.S.: Joel Gibb hat auch bereits ein Country-Album komplett eingespielt. Es soll noch in diesem Jahr als ein weiteres Album der Hidden Cameras erscheinen.

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