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Von Löwen und Therapeuten

William Fitzsimmons, der Sänger mit dem langen Rauschebart, veröffentlichte im Februar sein sechstes Album "Lions". Im Interview mit thegap.at hat er über Tiere, Therapie und Aggression gesprochen.

Stephan Brückler hat das Interview geführt, in voller Länger ist es auf thegap.at nachzulesen.

 

Du bringst Anfang 2014 ein neues Album heraus, “Lions”. Im CD-Booklet schreibst du, dass du diesmal begonnen hast, Musik ohne Motiv und Ziel zu schreiben. Wie unterscheidet sich das von deinen bisherigen Alben?

William Fitzsimmons: Es unterscheidet sich vor allem vom letzten Album, das einige Songs beinhaltet, auf die ich sehr stolz bin. Aber ich war damals in keiner guten Umgebung, ich hatte Leute um mich, die eher geschäftliche Interessen hatten, und das hat meinen Songs die Lebendigkeit genommen. Ich mache Musik seit ich 0 Jahre alt war (lacht). Es ist etwas Spezielles und Wichtiges, das ich sehr schätze. Geld ist ein Teilaspekt des Musikbusiness, aber das Hauptinteresse sollte nicht darauf liegen. Ich wollte wieder von vorne anfangen und so schreiben, als würde es nicht auf Geld ankommen. Es gab kein Zeitlimit. Alles was ich erlebt und gefühlt habe, alles was raus kommen sollte, habe ich raus gelassen. 

 

Du hast eben gesagt, dass du schon dein ganzes Leben lang Musik machst, und du hast auch Psychologie studiert und als Psychotherapeut gearbeitet. Gab es einen speziellen Punkt, an dem du dich entschieden hast, Musiker zu sein und die Arbeit als Therapeut aufzugeben?

Ja, als ich geschieden wurde. Da war ich in keiner guten Verfassung, ein Therapeut zu sein, weil mein Leben ein Schlamassel war. Ich glaube, der Therapieprozess funktioniert nur, wenn der Therapeut selbst möglichst gesund und ausgeglichen ist. Das und die Möglichkeit zu reisen und 10 Stunden pro Tag im Auto Zeit für mich zu haben, halfen mir, nachzudenken und „mich zu finden“. Wobei ich diesen Ausdruck nicht mag, denn man ist genau hier und jetzt, man weiß ja, wo man steht. Aber ich denke, es hat mir geholfen, um Entscheidungen in Gang zu bringen und die nächsten Schritte zu planen.

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Du hattest deinen Durchbruch mit dem Album “The Sparrow & The Crow”, auf dem du deine Scheidung verarbeitest, wie siehst du diese schwierige Zeit aus heutigem Standpunkt bzw. wenn du das Album hörst?

Nun, ich höre mir das Album nicht wirklich an, aber ich spiele Songs daraus. Jetzt fühlt es sich anders an als vor ein paar Jahren, aber damals war es schrecklich, denn ich war über vieles noch nicht hinweg und hatte mir noch nicht vergeben. Ich war selbst nicht in einer Therapie und hatte vieles noch nicht losgelassen. Es gibt eine psychologische Schule, die sich Gestaltpsychologie nennt, und eines der Hauptthemen davon ist “unfinished business“. Dahinter steckt die ursprünglich von Freud stammende Idee, dass, solange man sich nicht mit seinem Hauptproblem auseinandersetzt, es nie verschwinden wird. Und es kann auf anderen Wegen wiederkehren. Ein Alkoholiker mag vielleicht nicht mehr trinken, aber er könnte zu einem Sexsüchtigen oder Arbeitswütigen werden.

Heute habe ich Dinge bewältigt, ich habe mir selbst vergeben und Wiedergutmachung geleistet, soweit es möglich war. Wenn ich diese Songs nun spiele, kann ich zurückblicken und mich an die positiven Dinge dieser Zeit erinnern. Natürlich kann ich mich auch an die Fehler erinnern, aber die sehe ich als Lehrstunden.

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Hat dein neues Album “Lions” auch ein umfassendes Thema wie “The Sparrow & The Crow”?

Prinzipiell sind alle Platten thematisch, zumindest gibt es ein vages Thema. Aber bei den anderen Alben war ich mehr Konzept orientiert, basierend auf meinen Erlebnissen, über die ich dann geschrieben habe. Beim aktuellen Album waren es mehr universelle Gefühle, durch die ich gegangen bin. Meine Frau und ich haben vor ein paar Jahren ein Baby adoptiert, dabei haben wir eine interessante und schwierige, aber wirklich großartige Zeit erlebt. Ich habe auch eine Beziehung zur biologischen Mutter meiner Tochter entwickelt. Diese Entwicklung, gleichzeitig involviert zu sein und außerhalb zu stehen, hat mich dazu gebracht, über Verbindung und Separation nachzudenken und was es eigentlich bedeutet, in einer vertrauten Beziehung zu jemandem zu stehen. Auch was es bedeutet, anders und abgegrenzt von anderen Personen zu sein, als eine Art Außenseiter. Das war der Ausgangspunkt des Albums. 

 

Du verwendest öfters Tiere in deinen Texten oder als Albumtitel. Hast du eine spezielle Verbindung zu Tieren oder verwendest du sie einfach gerne als Metaphern?

Beides, Tiere sind ein gutes Lerninstrument. Am meisten liebe ich Hunde, weil sie so loyal sind. Man kann einen Hund sehr schlecht behandeln, was man natürlich nicht tun soll, aber als Beispiel, wenn man es täte, will der Hund immer noch von dir geliebt werden, er ist gänzlich versöhnlich und loyal. Ich bin mit Tieren im Haus aufgewachsen, meine Eltern sind behindert, sie hatten Blindenhunde und auch Vögel, da meine Mutter ihre Gesänge liebte.

Die Tiere halfen mir, Dinge besser zu verstehen, denn im Prinzip sind wir ja auch Tiere. Wie auch der Löwe. Er ist ein perfektes Beispiel dafür, wie wir als Menschen sein können, einerseits sehr edel, wir können schöne Dinge erschaffen und Kunstwerke kreieren. Aber gleichzeitig sind wir grausam, zerstören Dinge, feuern Raketen auf Städte und Menschen. Aber ich möchte nicht zu politisch werden. Ich versuche immer, mich mit der Idee anzufreunden, dass ich okay mit mir bin. Auch ich habe furchtbare Dinge gemacht, aber ich habe es geschafft, damit zu leben.

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Der Großteil deiner Musik ist sehr reduziert und sanft, und du hast auch eine sehr sanfte Stimme. Warst du auch mal dran interessiert, Rockmusik zu machen?

Ja, auf der High-School war ich der Rhythmusgitarrist in einer Led Zeppelin Coverband. Ich mag Rockmusik sehr, manchmal auch aggressive Sachen. Es gibt primäre und sekundäre Emotionen. Wut ist etwas, das ich sehr stark fühlen kann, aber nach außen dringt es bei mir als Angst. Die meiste Wut basiert auf Angst. So ist es bei mir auch mit der Musik. Wenn ich mich über etwas ärgere, möchte ich über den Angstanteil darin schreiben, das ist der Punkt, der mich interessiert. Im Gegenteil etwa zu Metallica, die es schaffen, Wut und Zorn in ihrer Musik auszudrücken. Das ist großartig, damit kann ich mich absolut identifizieren, aber wenn ich mich hinsetze, um zu spielen und schreiben, fühle ich mich eher mit internen, ruhigeren Dingen verbunden. Das ist das, was aus mir herauskommt.

Als ich letztes Jahr das erste Mal ins Studio gegangen bin, hatte ich den Antrieb, diesmal eine große Platte zu machen. Als ich dann begann, mit meinem Produzenten Chris Walla zu arbeiten, hatte er die Idee, einfach mal die Songs anzuhören. Wir hatten 13 Demos, die ich mit Akustikgitarre und Gesang in meinem Haus aufgenommen habe. Er sagte zu mir: “Du kannst daraus eine große, wuchtige Platte machen, das wäre ok, aber ist das wirklich das, was du in den Songs hörst?” Anfangs war ich echt wütend, da ich die Idee einer fetten Produktion hatte, doch er hatte Recht, die Songs sollten nicht groß werden, es waren keine Rocksongs. Selbst wenn man mehr Platten verkaufen oder in einer McDonald´s Werbung landen könnte, wenn man Dinge gezielt anders machen würde, wäre man dennoch nicht glücklich darüber, wenn man dann mit 70 darüber nachdenkt, was man mit seinem Leben gemacht hat. Man muss das tun, was ein Song verlangt und authentisch ist.

 

"Lions" ist am 17. Februar via Grönland Records erschienen.

William Fitzsimmons spielt am 15. August beim poolbar-Festival im Alten Hallenbad Feldkirch.

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