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Anna Calvi: schüchtern & extrovertiert

Anna Calvi erzählt im Interview über ihr aktuelles Album "One Breath", Schüchternheit und wie ihr Edith Piaf beim Singenlernen geholfen hat. Ihr mit Spannung erwartetes Konzert beim poolbar-Festival 2014 findet am 22. Juli im Alten Hallenbad statt.

 

Martin Riedl hat Anna Calvi für thegap.at interviewt:

Brian Eno, Nick Cave... die Riege der Musiker, mit denen die Britin Anna Calvi verkehrt, ist eine sehr exklusive. Es kann nicht zu ihrem Schaden gewesen sein: Nach dem vielseitig bejubelten selbstbetitelten Debütalbum gelingt mit "One Breath" ein eindrucksvolles Follow-Up.

Zwischen wüstem Telecaster und Streicherbetten tönt die selbstbewusste Flamenco-Rampensau Calvi; Ironie freilich ist es, dass sie beim Skype-Interview dann zu schüchtern ist, das Video anzumachen.

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The Gap: Ein signifikanter Punkt, den ich ansprechen will, ist: Du hast erst relativ spät überhaupt mit dem Singen angefangen. Was hat dich so lange davon abgehalten?

Anna Calvi: Ich war ein wenig schüchtern, deshalb hatte ich es sein lassen. Später habe ich dann realisiert, dass das albern ist. Wenn du Songs schreibst, dann solltest du die auch singen. Also habe ich sehr hart daran gearbeitet, bis ich das Gefühl hatte dass ich mich verbessere und auch selbst zufriedener damit bin.

Wieviel musstest du da üben?

Mehrere Stunden jeden Tag. Etwa vier oder fünf Stunden.

Nur du und deine Gitarre?

Ich habe die Musik von Sängerinnen und Sängern angehört, die mir gefielen, etwa Edith Piaf oder Elvis, und dabei versucht herauszufinden, wie die zu ihrem Sound kommen.

Aber du hast nie Gesangsstunden genommen?

Nein.

Wenn man so will hat dir also Edith Piaf das Singen beigebracht?

Eigentlich schon.

Wenn du dich für eines entscheiden müsstest: Was magst du lieber - Gitarre spielen oder singen?

Ich denke, dass das inzwischen eher das Singen ist, weil ich mich als Sängerin sehr wohl fühle. Es ist eine schwierige Entscheidung, weil ich beides sehr gerne habe. Singen ist noch etwas neuer für mich, es ist eher noch so wie die Anfänge einer Beziehung – einer Beziehung mit meiner eigenen Stimme.

Warst du immer schon die musikalische Nonkonformistin, die du jetzt bist? Emo und/oder Punkphasen als Kind? Welche Musik hat dich dort hingebracht, wo du heute stehst?

Meine Eltern hatten eine große Plattensammlung, weshalb ich viel von ihrer Musik angehört habe. Als Teenager hatte ich eine Phase, in der mir Grunge gut gefiel, wahrscheinlich weil das zu der Zeit gerade aktuell war. Klassische Musik hat mir aber auch gefallen.

Zum Beispiel?

Débussy und Ravel waren die ersten beiden Komponisten, mit denen ich mich beschäftigt habe. Dann fing ich auch an, auch minimalistische Komponisten zu hören, wie zum Beispiel Steve Reich oder Philip Glass.

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Brian Eno spielt eine entscheidende Rolle in deiner Karriere. Wie ist das passiert? Es ist ja nun nicht gerade so, dass man ihn einfach in einer Bar trifft, um ihm dort über die eigene Musik zu erzählen...

Stimmt. Der Besitzer eines Veranstaltungsorts war ein Freund von ihm. Er erzählte Brian von mir, und ich gab ihm dann meine EP, die ihm sehr gefiel. Er hat mich dann sehr dazu ermutigt, das zu tun.

Wie funktioniert das Songwriting bei dir? Musst du für dich allein sein, oder brauchst du Leute um dich herum?

Ich bin gern allein, wenn ich schreibe, und brauche einen Raum, wo mich keiner hören kann. Wenn die Songs fertig sind gehe ich damit zu meiner Band. Sehr oft ist das dann schon komplett arrangiert, es kommt aber auch vor, dass wir zusammen an den Arrangements arbeiten.

Das Tour-Lineup von Anna Calvi ist sehr klein. Außer dir sind das nur Daniel Maiden-Wood und Mally Harpaz. Never change a winning team? Oder hast du dir auch schon mal überlegt, etwa ein Orchester mit auf die Bühne zu setzen?

(lacht) Es funktioniert sehr gut mit diesen Musikern, und es ist auch gut eine Band zu haben, anstatt Session-Musiker anrufen zu müssen. Ich genieße es, mit den beiden zu arbeiten.

Du hast also noch nie darüber nachgedacht, auch auf der Bühne noch mehrere Musiker dabeizuhaben? Oder ist es so wie es jetzt ist genau richtig?

Bei diesem Album werde ich vielleicht einen Keyboarder mit auf der Bühne haben, aber ich will es eigentlich klein halten. Ich mag es, der Musik Raum zu geben. Je mehr man anfüllt, desto weniger bleibt einem dann letztendlich übrig.

Verstehe ich das richtig: Du meinst dass man vieles auslassen sollte, sodass die Dinge, die man stehenlässt, stärker wirken?

Dann ist es einfacher, Dynamiken zu erzeugen. So kannst du eine Leere erzeugen, die expressiv und explosiv wirkt. Das ist einfacher, wenn man plötzlich aufhört und stillhält.

Ich habe gelesen, dass dir Ehrlichkeit bei den Auftritten besonders wichtig ist, Ehrlichkeit dem Publikum gegenüber. Wie könntest du überhaupt unehrlich zu deinem Publikum sein?

Wenn du die Dinge aus den falschen Gründen tust. Wenn du Musik machst, weil du glaubst dass es das ist, was die Leute hören wollen, obwohl es nicht wirklich dein Ding ist.

Die extrovertierte Bühnenpersönlichkeit Anna Calvi mit ihren androgynen Flamenco-Kostümen steht in starkem Kontrast zu der sanft-schüchternen Stimme, mit der du mir jetzt begegnest. Wie erklärst du diese Ambivalenz anderen Menschen?

Wenn ich auf der Bühne stehe und Musik mache, kann ich eine stärkere und furchtlosere Seite von mir zeigen.

Als du mit dem Singen angefangen hast, wusstest du da schon, dass du eine so extrovertierte Person sein kannst?

Das ist sehr natürlich, ich fühle mich eigentlich recht entspannt in dem Zustand, und dann fühle ich mich auch stark. Ich hatte auch noch nie Bühnenangst, habe das nie als furchteinflößend empfunden. Je mehr ich [aufgetreten bin], desto selbstbewusster habe ich mich gefühlt.

 

Am 22. Juli 2014 wird Anna Calvi beim poolbar-Festival im Alten Hallenbad in Feldkirch live auftreten, Tickets gibt es HIER.

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