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Marko Doringer ("Mein halbes Leben") im Interview

Vom realen zum filmischen ich
von Joachim Schätz

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Marko Doringer, Regisseur und Protagonist des Generationenselbstportraits „Mein halbes Leben“, im Interview.

Kein festes Einkommen, keine Beziehung, keine abgeschlossene Ausbildung: „Ich habe in meinem Leben nichts erreicht.“ Diese deprimierte Bilanz zum Dreißiger wurde für Marko Doringer zum Ausgangspunkt einer filmischen Investigation in Sachen Lebensplanung. In „Mein halbes Leben“ sucht der in Salzburg geborene Dokumentarfilmer zwischen Therapeuten-Couch und Elternhaus nach den Ursachen seiner Sinnkrise. Daneben besucht er drei Freunde, deren Lebensumstände und Erwerbsbiographien in der Zusammenschau ein gesellschaftspolitisch aufschlussreiches, knackig montiertes Generationenportrait ergeben. Auf der vorigen Diagonale gab es dafür den großen Preis für den besten österreichischen Dokumentarfilm, am 1. Jänner läuft der Film regulär in den Kinos an. Mit the gap sprach Marko Doringer über knackige Sager, nötige Selbstdistanz und das Generationsspezifische der heute Dreißigjährigen.



Beinahe der ganze Film ist mit subjektiver Kamera aus deiner Perspektive gedreht. Woher hattest du das Equipment, das dafür nötig war? 
Für die Szenen in Berlin, die in den ersten Filmminuten zu sehen sind, hab ich eine Helmkamera verwendet. Für den Rest hab ich ein Kamera-Gerüst benützt, das ich mir selbst gebastelt hab. Ich habe einige Jahre auf der TU Graz studiert, und ich bin in technischen Dingen relativ geschickt.

Und warum hast du dich für diesen Blickwinkel entschieden?
Es passt zu einem autobiographischen Film. Außerdem wollte ich den Effekt vermeiden, dass die Leute seitlich an der Kamera vorbeischauen. Wenn meine Gesprächspartner mich angeschaut haben, haben sie dadurch automatisch in die Kamera geschaut. Dann blicken sie im Film auch direkt das Publikum an, und das steigert die Intimität und Intensität des Films enorm.



Über welchen Zeitraum habt ihr gedreht, und wie sehr ähnelt der Film deinen ersten Vorstellungen?
 Ein Dokumentarfilm ist natürlich nach hinten immer offen. Ich hatte schon ein Konzept und ich hab gewusst, ich will mit diesen drei Freunden arbeiten, deren Lebensgeschichten und Lebenswelten ich gut kenne: Tom, der Manager, Katha, die freischaffende Frau um die 30, Martin, der abgesicherte Angestellte, das sind ja fast soziale Archetypen. Wie sich dann die Lebensgeschichten und der Dreh über eineinhalb Jahre entwickeln, ist natürlich offen. So eine Art von Dokumentarfilm entsteht im Schneideraum.



Wieso hast du dich zu den Szenen mit deiner Psychotherapie entschlossen, den einzigen, in denen du selbst vor die Kamera trittst?
 Es gab die Entscheidung, mich selbst als Protagonist in den Film einzubringen, und dann hab ich mir überlegt, wie ich das am besten machen kann. Die Therapie-Gespräche, die im Film zu sehen sind, waren reale Sitzungen, nicht nachgestellt. Ich habe glücklicherweise einen Psychologen gefunden, der mir erlaubt hat, unsere Sitzungen mitzufilmen. Mein Gedanke war, dass der Psychologe die Rolle des Regisseurs übernehmen und mich führen soll. Der Zusammenhang meiner Krise mit meinem Vater-Sohn-Konflikt ist mir tatsächlich erst in den Sitzungen klar geworden. So wie ich meine drei Freunde im Film auf gewisse Problempunkte aufmerksam gemacht habe, hat das der Psychologe für mich getan.



Braucht es eine besondere Art von Selbstdistanz, wenn man sich als Filmemacher selbst zum Gegenstand macht? 
Ich glaube, da gibt es drei völlig verschiedene Phasen: Während des Drehs ist es ganz wichtig, keine Distanz zu sich aufzubauen, sondern sich wirklich als Protagonisten und als „Ich“ zu sehen, mit allen Widersprüchen, die im eigenen Leben stecken. Im Schnitt braucht man dann aber eine extreme Distanz zu sich und muss sich als Material betrachten: Aus dem realen Ich muss ein filmisches Ich gebaut werden. Die dritte Phase ist die Veröffentlichung, bei der man sich einer Öffentlichkeit exponiert und das Ich im Film mit dem realen Ich konfrontiert.

Das gesamte Interview auf thegap.at.

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