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Kreisky im Interview

"Identifikation mit dem Hörer erschaffen"

Amadeus-Gewinner Kreisky sind eine Ausnahmeerscheinung in der österreichischen Musiklandschaft. Kurz vor ihrem Auftritt beim Bock Ma's Festival traf FM5 Sänger Franz Adrian Wenzl und Schlagzeuger Klaus Mitter zum Interview.

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Nachdem sich die Jungs von Kreisky schon beim FM4 Frequency Festival einem amüsanten FM5-Wordrap zu eher allgemeineren Themen unterzogen hatten, ging es bei diesem Interview spezifischer um ihr heuer erschienenes Album Meine Schuld, Meine Schuld, Meine Große Schuld.

FM5: Was hat den Ausschlag dafür gegeben, dass ihr euer neues Album im Fuzzroom in Klagenfurt aufgenommen habt?


Mitter: Unser Booker ist der große Bruder von Herwig (Anm. d. Red.: Fuzzman). Dadurch hat sich das irgendwie von selbst ergeben. Dem Studio ist außerdem der Ruf vorausgeeilt, dass man dort grundsätzlich sehr gut live aufnehmen kann und dann sucht man in Österreich einfach auch nicht mehr lange weiter.

Hat Herwig irgendwelche Vorgaben gegeben oder wie sind die Aufnahmen verlaufen?


Wenzl: Nein, es hat schon von uns klare Vorgaben gegeben. Wir haben ihm gesagt, dass das Album einen speziellen Live-Charakter haben soll und er hat dann natürlich mit seinem Know-How am Sound gebastelt.

Mitter: Er wollte nicht als Produzent auftreten, sondern hat das eher Steve-Albini-mäßig gemacht und als "Sound-Engineer" fungiert, im positiven Sinne gemeint.

Würdet ihr es korrekt finden, eure Songs als "Feel-Not-Good-
Hits" zu bezeichnen?


Wenzl: Das macht ja sowieso jeder... Unser Ziel war es einfach, bestimmte Themen zu behandeln und eine Identifikation mit dem Hörer zu erschaffen. Diese Identifikation funktioniert im Deutsch-Pop meist mit Hilfe eines positiven, leicht melancholischen Grund-Feelings, das aber irgendwie nervt. Wir wollen den Hörer in ein dunkles Eck mitschleppen. Es werden Gefühle beschrieben, die jeder kennt.

Findest du es schwierig, dich in eine Stimmung zu versetzen
, welche es dir ermöglicht derart zynische Songs zu schreiben?

Wenzl: Schreibe ich zynische Lieder (dreht sich zu Mitter und lacht)? Also ich finde sie nicht zynisch. Es muss mir einfach etwas einfallen, von der Stimmung her geht das immer. Wenn, dann habe ich eher Probleme, mir positive Sachen auszudenken (beide lachen).

Hast du die Beziehungsprobleme, die du in Songs wie "Dow Jones" oder "Clitzer" beschreibst, selbst erlebt? Wie kommst du auf diese Sachen?

Wenzl: Ich bin kein autobiographischer Autor. Es gibt einen gewissen Gefühlskern, von dem aus ich schreibe. Dabei überspitze ich die Dinge natürlich teilweise sehr stark.

Gibt es Leute in eurem Umfeld, die sich in den Texten wiedererkennen?


Wenzl: Weniger im Umfeld. Es gibt aber immer wieder Leute, die auf unsere Konzerte kommen und mir sagen: "Du sprichst mir aus der Seele, ich habe diese Dinge selbst erlebt!"

Mitter: Bei einem unserer letzten Konzerte ist jemand zu mir gekommen und hat mir gesagt, dass er Jahre lang Asthma hatte und dieses völlig verschwand, nachdem er sich von seiner Freundin getrennt hatte. Er meinte, er könne sich mit dem Song total gut identifizieren.

Gibt es igendwelche Gedanken, die du beim Songwriting nicht zulässt?


Wenzl: Ich schrecke auf jeden Fall vor tagespolitischen Kommentaren zurück, das interessiert mich nicht. Mich interessieren vielmehr Strukturen, menschliche Strukturen, die Menschen selbst.

Wie entstehen die Songs?


Wenzl: Wir schreiben die Lieder zusammen, ich mache nur die Texte dazu.

Mitter: Es wird sehr viel improvisiert. Ein Text läuft einmal bei der einen Nummer, dann wieder bei einer anderen.

Wenzl: Es gibt einen Grundfetzen von Ideen, ein Grundding.

Mitter: Wir erschaffen einen großen schwarzen Klotz, der dann auf ein Skelett heruntergebracht wird. Es wird immer herunterarrangiert.

Besteht nicht die Gefahr, dass der Song "Die Dummen Schweine" als frauenfeindlich angesehen werden könnte?


Mitter: Die Reaktionen darauf waren interessant. Barbara Matthews von FM4 kam zu mir und sagte, dass dies ihre absolute Lieblingsnummer am Album sei. Das hat mich zugegebenermaßen erleichtert.

Wenzl: In der Erzählhaltung ist doch klar, dass dies nur eine Rolle ist.

Mitter: Wer dies nach ein paar Mal hören nicht versteht, dem ist dann wohl auch nicht mehr zu helfen.

Seid ihr in der österreichischen Radiolandschaft genügend präsent?


Wenzl: FM4 spielt uns brav und Ö3 ist sowieso kein Thema für uns.

Würdet ihr es gänzlich abgelehnen von Ö3 gespielt zu werden?

Mitter: Das ist derzeit unrealistisch. Wenn es passt und man nicht zu viel von sich hergeben müsste, könnte es aber sogar durchaus als spannendes, als größeres Umfeld dienen und differenziertere Reaktionen hervorrufen, als wenn man sich immer nur in seinem Genre bewegt.

War es denn wirklich nötig, ein weiteres Tischtennis-Video zu drehen?

Wenzl: Gibt es denn schon so viele?

Air "Kelly Watch The Stars" und P.O.D haben auch eines gemacht...

Mitter: Wir haben "Kelly Watch The Stars" tatsächlich eine Woche vorher entdeckt. In unserem Video zu "Dow Jones" geht es grundsätzlich darum, die Rivalität von zwei Paaren anhand einer relativ lächerlichen Sportart wie Tischtennis, die man auch mit dem Opa in der Garage spielen kann, darzustellen.

Bedeuten Videos grundsätzlich eher eine Belastung für euch oder seht ihr sie als zusätzliche Ausdrucksform an?


Wenzl: Da gibt es unterschiedliche Meinungen in der Band. Mir sind Videos zum Beispiel eher nicht so wichtig, aber wenn man etwas macht, möchte man es natürlich auch gut machen.

Wie geht es mit euch weiter ?


Mitter: Wir werden jetzt einmal ein paar Konzerte in Deutschland spielen und uns dann auch irgendwann wieder einmal im Proberaum einfinden.

Wenzl: Dann gibt es auch einfach einmal gar nichts. Man muss dieses Album erst einmal sich setzen lassen. Es bringt nichts, sich irgendwie weiterzuwurschteln und eine Platte nach der anderen "aussezuscheißen".

Das ist ein schönes Schlusswort. Danke für das Interview!

Das Interview wurde von Daniel Roy und Eva Zimmermann geführt und erschien auf www.fm5.at.

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