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La Mercé - Soap & Skin

Eine Stadt feierte bloß ihr offensichtlich wichtigstes Fest, Soap & Skin verzauberte einstweilen.

 

La Mercé, das größte Fest der Stadt, tagelanges reges Treiben rund um die Uhr, tieffliegende Geschoße, Feuerräder, hysterisches Lachen & dickste Krokodiltränen, der Boden gepflastert mit Millionen von Estrella Damm Bierdosen und mehr Trommeln als Hände. Plötzlich erscheint alles möglicher zu sein als es sowieso schon ist, wird alles gar nicht mehr so streng genommen wie es vielleicht noch gestern den Anschein hatte. Verrückt.
Wird man normalerweise schon beim öffentlichen Trinken eines Tees auf der Rambla del Raval von den ständig aufgekratzten Mossos (grundlos) ermahnt  und seinen Rechten belehrt, so darf man dieser Tage all die künstlich ins Leben gerufenen Regeln aus seinem "aufgezwungenem Verhaltenskodex" streichen. Trinken erlaubt. Alles und Überall. Pervers.
Und fragt man sich im Normallfall wie man nach Mitternacht bzw. zwei Uhr morgens ins Bett kommt, so schiebt der öffentliche Dienst dieser Tage 24-Stunden-Schichten.
Wie hinreißend, und was wird nicht alles gemacht um die Leute bei Stimmung zu halten. Hier scheinbar regelmäßiger, weil nötiger, als sonst wo. Zumindest löst seit Monaten eine Fiesta die andere ab, denn jedes "Barrio" muss ja schließlich separat vor Feiern, bevor sich die Massen dann im Stadtzentrum die Birne weich saufen.
Ach ja, Konzerte gab es natürlich auch – gratis versteht sich. Am Montag wurde dann aber wieder brav gearbeitet, oder zumindest so getan als ob. Bis zur nächsten Fiesta, die dann ja sicherlich bald mal wieder kommen wird.

Rumba Katalana


Weil ich aber einen gewissen Fetisch für Livemusik habe, Neuem gegenüber sowieso nicht unaufgeschlossen bin, und Rumba Katalana ja angelblich das Ding schlecht hin ist, hab ich mir ein paar ans Herz gelegte Konzerte auf meinen Spickzettel notiert und bin losgezogen.
Calima war eine dieser Gruppen, die, so wie scheinbar jede Formation hier, alle erdenklichen traditionellen Stile in einen Topf schmeißen und ordentlich durch mixen. Über die Qualität der Musiker braucht man keinen Falls zu diskutieren denn das Können steht außer Frage, dass dann aber doch alles irgendwie gleich klingt, darüber allerdings auch nicht. Ich kann mir so etwas halt nicht länger als ein paar Songs zumuten. Zu stark melden sich da schon die fürs Gähnen zuständigen Muskeln im Gesicht. Das Selbe Symptom stellt sich auch bei Canteca de Macao und dem möchte gern Italo-Spanier Tonino Carotone ein.
Sorry Rumba Katalana & Co., richtig dicke Freunde werden wir nicht werden, obwohl ich z.B. Ojos de Brujo schon sehr lieb gewonnen habe. Sie wirken auf mich aber authentischer und überzeugen als Gesamtpaket, das ja wohlwissend bei der Verpackung anfängt, einfach auf mehreren Ebenen. Die  Band La Kinky Beat kreuzten dann Gentleman mit Manu Chao und drücken dieser Mischung teilweise auch noch eine Drum ´n ´ Bass Snare drauf. Sehr pfiffig und auf jeden Fall annehmbarer als das zuvor erwähnte.
Die hier beheimatete Punkrockband The Unfinished Sympathy hat dann kurz ein Flämmchen in mir entzündet, welches die aus Istanbul stammende Band Baba Zula geschickt mit  ihrem dem Bauchtanz entsprungenem Lüftchen auslöschte. Alles gar nicht sooo berauschend, vielleicht war meine Erwartungshaltung was diese Band betraf aber einfach zu groß. Sie werden eine neue Chance bekommen.

BAM


Umso mehr überrascht und erfreut war ich dann natürlich, als ich Soap & Skin auf einer der Programmseiten entdeckte. Unpassender konnte die musikalische Anteilnahme der in luftige Höhen gehypten Anja Plaschg bei diesem Stadtfest nicht sein. Ganz hab ich das ja noch nicht durchschaut, aber das BAM operierte offensichtlich im Zuge des La Mercé, und steht somit für ein selbstständiges Festival im Festival, wo die Fühler dann doch teilweise in interessantere Gefilde ausgestreckt wurden. So angelte man sich beispielsweise Patrick Wolf oder The Go! Team für ein Konzert. Und weil es in Raval ja sowieso immer kunterbunt zur Sache geht, verschanzte sich Stefan Hantel aka. Shantel zu später Stunde auch noch hinter die Regler und brachte zusätzlich zu den Kebap-Buden mit seinem balkanisiertem DJ Set ein bisschen Schärfe ins Viertel.
In der Brauerei von Estrella Damm wurde einstweilen die schwedische Nacht eingeläutet und mit den The Hives und Billie the Vision & The Dancers ein Aufguss zelebriert. Zum Anheizen des Saunaofens waren die Lokalmatadore Manel geladen.
Tony Allen hingegen überzeugte mit seiner wunderbaren Band und dem von Nigeria bis Paris beheimateten Afrosound auf der ganzen Linie und brachte den Plaza Nova samt der Kathedrale zum mitschwingen.

Magie eines Platzes


Mein Interesse galt aber eigentlich nur der jungen Dame mit dem Klavier. Keine Zehn Gehminuten von meiner Casa entfernt, mitten im gotischen Viertel, an einem der wahrscheinlich schönsten Plätze der Stadt, dem Plaza del Rei, wurde doch tatsächlich ein mächtiger Flügel positioniert der nur darauf wartete auch bespielt zu werden. Der Andrang war groß, im Gegensatz zu den anderen Bühnen der Stadt aber stressfrei. Es war Soap & Skins Premiere in Barcelona, eine Unbekannte ist sie aber auch hier nicht mehr. Egal ob im Musikgeschäft oder aus den offenen Fenstern winziger Wohnungen, ihre Stimme begleitete mich auch abseits der eigenen vier Wände.

Pünktlich, kurz nach Mitternacht, wurden dann die ersten Vorboten, minutenlange, mechanisch krächzende Sounds nämlich, durch die engen Gassen der Altstadt geschickt. Perfekter konnte dieser Platz eigentlich nicht sein. Wasserspeiende Monster blickten versteinert auf die zwischen dem dicken mittelalterlichen Gemäuer einer scheinbar unendlichen Geschichte eingepferchte Bühne, umrandet von einer Mischung aus gotischer, romansicher und renaissanter Kunst. Niemand wird jemals erfahren was sie hier schon alles mit ansehen mussten. Dieser Platz hat wahrlich etwas Magisches, man spürt die Geschichte die er mit sich bringt. Soap & Skin trug in dieser Nacht dazu bei, dieses dicke Geschichtsbuch um ein Kapitel zu erweitern. Es war, als ob zwei Energiefelder aneinander krachten, die Luft gesättigt mit Geschichten über Zorn und Wut, über Verzweiflung und Tod gewesen war.

Oft hilft da nur mehr ein bis hin zum Knochen alles durchschlagender Schrei, und die Gewissheit, dass sich dieser vor Jahrhunderten mindestens genauso qualvoll und emotional bewegend als Echo durch das Labyrinth des Barrio Gotic ausgebreitet haben muss. Die neunzehnjährige Diva, als die sie gerne dargestellt wird, war das Größte Rätsel und die klarste Antwort zugleich. Doch warum überhaupt Diva, warum das ganze Theater um eine Person, die schlicht und einfach das macht, wovon viele von uns träumen, sich diesen Traum vielleicht aber ein Leben lang nicht erfüllen werden? Leben nämlich!
Für mich ist Soap & Skin weder eine triste Gestalt noch eine in Geheimnisse gehüllte Künstlerin die sich in ihrer schwarzen Blase verschanzt. Im Gegenteil. Sie berichtet uns, legt uns ihrer Vergangenheit teilweise brutalst detailiert dar, in wunderbarster  vertonter Form, an einem Platz, der eigentlich nur in der Vergangenheit so richtig existierte. Passender konnte es nicht sein. Es war fast so, als hätten die vielen Steine, die überall allgegenwärtige jahrhundertealte Kunst, auf diese Prinzessin gewartet – um sich wachrütteln zu lassen, um doch endlich wieder Geschichte schreiben zu können. Abseits des Lebens das hier mit Ausnahme der paar Straßenmusiker eher tonlos von statten geht, eigentlich nicht mehr stattfindet.

Wirkung


Auf die Frage was Soap & Skin und ihre Musik in einem Menschen auszulösen im Stande sei, antwortete mir meine Mitbewohnerin, dass sie eine neue Art und Weise entdeckt habe, eine Person kennen, verstehen zu lernen. Das da plötzlich jemanden war, der es schaffte Energie zu kanalisieren, mit einfachsten Mitteln. Jemand der Musik mit Aussage produziere und die für eine neue Intensität eines Augenblicks stehe. Auch die ständige schwarze Tracht sei für sie maximal ein Zeichen, eine logische Sache. Denn mit weiß schützen wir uns vor der Sonne, schwarz absorbiert diese, erhitzt einen Körper und lässt unglaubliche Energie entstehen. Genau diese Energie versprüht Soap & Skin für sie. Und wie sie schon in "The Sun" singt, ist die Sonne ja auch verantwortlich für die Schatten, für den ständigen Begleiter, für das zweite Gesicht, für unseren Beschützer und Zerstörer zugleich.
Und genauso könnte man auch den Auftritt beschreiben. Eine Gradwanderung zwischen den Extremen. Zwischen schwarz und dreckigem weiß, zwischen einem Lächeln und der finsteren Miene, zwischen Samthandschuh und Knüppel auf den Kopf, zwischen Klavierkonzert und der räudigsten Party.
Sie spannte den Bogen beginnend mit "Cynthia" übers Nico Cover von "Janitor of Lunacy" bis hin zur roboterlike Perfomance von "DDMMYYY", bevor sie Wortlos die Bühne verließ. Davor gab es noch den demonstrativen Mittelfinger in Form von Wassergespucke in Richtung erster Reihe. Sie konnte wahrhaftig auf uns verzichten, war sowieso in ihrer eigenen Welt, einsam und allein. Aber genau so funktioniert das "Geschöpf" Soap & Skin offensichtlich, genau das ist der angestrebte Zustand.

Ich brauchte danach auch Abstand von den Massen, wanderte geradewegs in mein ein paar Quadratmeter umfassendes Reich und fing an nachzudenken. Leider zu viel, und bis zum heutigen Tage.

Wieder in Wien


Am 9. Dezember kann man Soap & Skin live im Wiener WUK belauschen. Ebenfalls umgeben von dicken Mauern mit vielen Geschichten, und mit Unterstützung eines Ensmbles.
VVK Jugendinfo:20€

Text von Thomas Zettel. Zuerst erschienen auf www.fm5.at.

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