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Re:Haydn - Zukunftsmusik mit klassischem Mehrwert

von Katharina Seidler Klaus Buchholz

Es ist Haydn-Jahr. Das Projekt „Re:Haydn“ ist dabei auf weiter Flur der einzige zeitgemäße Versuch, sich dem breiten kompositorischen Werk Haydns für ein hybrides Publikum anzunähern.

Klassische Musik riecht nach gepuderten älteren Damen, nach duftendem Holz, nach Kolophonium, elektronische Musik hingegen nach Fabrikhallen, Schweiß und Zigaretten. Solche Klischees gehören mittlerweile einer Vergangenheit an, die noch strenge Grenzen zwischen ernster und Subkultur zog. Längst hat die Hochkultur ihren Eingang in die Welt der Elektronik gefunden (und umgekehrt). Die Gegensätze zwischen den Welten sind nur vermeintliche. In den letzten Jahren bereicherte einer Reihe von Veröffentlichungen diesen Dialog. Für einen der wohl bekanntesten Hybride zeichneten vergangenes Jahr Moritz von Oswald und Carl Craig verantwortlich, als sie Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ und Maurice Ravels „Bolero“ einer technoiden Frischzellenkur unterzogen. Zudem fand in Berlin, unter anderem im Berghain, das C3-Festival (Club Contemporary Classical) statt, am Wiener Badeschiff traf Classic auf Club – und jetzt „Re:Haydn“. Die Distanz zwischen Konzertsaal und Dancefloor verringert sich so zunehmend. Einiges deutet sogar darauf hin, dass dieser Trend zur Mischkulanz über einen kreativen Mehrwert hinausreicht.

Joseph Haydn on the decks

Für die Musikindustrie bedeuten derartige Projekte naturgemäß mehr, als nur Rahmenbedingungen für den kreativen Dialog zwischen klassischer und elektronischer Musik zu schaffen. Das Label Universal, verantwortlich für das reichhaltige Archiv des Deutschen Grammophons, geht vermehrt Kooperationen mit etablierten Größen der Elektronikszene (siehe oben). Nüchtern betrachtet, geht es, neben dem Ausloten künstlerischer Möglichkeiten, auch um eine Erschließung neuer Zielgruppen und Medienkanäle.

Für ein solches, breit kulturinteressiertes, Publikum ist auch das Projekt „Re:Haydn“ gedacht. Der 200. Todestag von Joseph Haydn war für den Monopol-Verlag (der auch dieses Magazin veröffentlicht) Anlass, um dem ersten Vertreter der Wiener Klassik im Rahmen des Remix-Projektes „Re:Haydn“ neues Leben einzuhauchen. Mehr als ein Dutzend internationale und nationale Vertreter zeitgenössischer, elektronischer Musik nahmen am Projekt teil. Die Ergebnisse klingen naturgemäß so vielfältig wie die einzelnen Produzenten. Krazy Baldhead vom Pariser Label Ed Banger etwa nahm sich einem Thema aus dem zweiten Satz der „Schöpfung“ an und verwandelte es in einen tighten Electro-HipHop-Track, ohne dabei den Fokus auf die stimmgewaltige Kraft des Originals zu verlieren. Oder das Berliner Duo AGF/Delay, auch sie arbeiteten mit einem Stück aus Haydns „Schöpfung“, dem düsteren Vorspiel „Die Vorstellung des Chaos“. Sie übernahmen die spannungsvolle Harmonika Haydns und erschufen, versetzt mit eigenen Vocals, eine technoide Unterwelt, die in ihrer treibenden Rhythmik eindrucksvolle Bedrohlichkeit vermittelt. Beiträge wie diese heben allesamt das Wirken des Komponisten Haydn auf zeitgenössische Ebenen der Interpretation und haben gleichzeitig alle das Potenzial, neues Publikum zu erreichen. So wurden nicht bloß neue musikalische Hybride geschaffen, sondern vor allem neue Wege einer konstruktiven Erinnerungskultur vorgezeichnet.

Die popkulturelle Annäherung an klassische Kompositionen endet nämlich nicht mit dieser Remix-Compilation, sondern markiert vor allem den Beginn innovativer Formen gegenseitiger, künstlerischer Auseinandersetzungen. Im nächsten Jahr wird die Reihe mit „Re:Chopin“ (200. Geburtstag) fortgesetzt werden. Der fruchtbare Dialog wird so schnell nicht eingestellt.

Mehr Infos unter www.rehaydn.at.
Erschienen auf thegap.at.
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