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Know-Nothing-Gesellschaft 104: Sledge Hemma

Die neueste Ausgabe der im Gap erscheinenden Kolumne von Illbilly The K.I.T.T.

Wer ein Mega-Gemächt will, sollte besser nicht auf Fürsprache der Heiligen Hemma von Gurk vertrauen. Wer Akne loswerden will übrigens auch nicht. Und sonst muss man eigentlich froh sein, dass Schinkenrollen und gefüllte Eier von den Speisezetteln verschwunden sind.

Noch fast ziemlich gut kann ich mich an die Neunziger erinnern. Das ist wichtig, weil künftig die größten Unnötigkeiten dieses Jahrzehnts über die Revival- und Retroschiene wieder vermehrt bei der Haustür der Hipness rein schleichen werden. Lieber wäre mir, ich könnte an dieser Stelle schreiben, dass ich mich an die Neunziger überhaupt nicht mehr erinnern kann, weil ich bis zum Abwinken zugekifft war, durch jede Körperpore Red Bull ausdünstete, ein Ecstasy nach dem anderen einwarf, und dabei vergeblich versuchte, bei Wiener Downtempo-Musik zu chillen. Aber so war es nicht. Außer, dass ich die Onanie als angenehmen Zeitvertreib entdeckte, war diese Dekade für mich beinahe frei von Höhepunkten. Ich hasste Cobain, ich hasste Oasis, ich hasste mich.
Ich war nicht einmal sonderlich glücklich, als ich aus der Konkursmasse vom Konsum mein erstes Snowboard erstand, denn Winter und Schnee waren mir immer schon zutiefst zuwider. Selbst das endgültige Verschwinden von Schinkenrollen und gefüllten Eiern auf den Partybuffetplatten dieser Welt stimmte mich nicht fröhlicher. Wöah Pubertät, igitt Neunziger. Und genau daran werde ich demnächst wieder ständig erinnert werden, nur weil sich gerade die koksenden Kreativabteilungen irgendwelcher Agenturen im Nostalgienebel verlieren, wenn sie am Wochenende zu spanischem Minimal-Techno wie aberwitzige 10-Cent-Raketen abgehen. Die sollen doch bitte weniger MDMA fressen, besser mehr Matcha-Soya-Latte saufen und mir die Auseinandersetzung mit längst verdrängten Pubertätsszenen ersparen.
Aber jetzt ist es eigentlich sowieso schon zu spät. In meinem Kopf ist gerade 1994. EU, „Ja" oder „Nein"? Der Bürgermeister im Ort ist dafür und sagt, es gäbe dann immer genügend Coca Cola und Soletti zu kaufen. Das beruhigt die Gemüter, denn immer wenn nämlich die Darmgrippe umgeht, sind tagelang Cola und Soletti in der Greißlerei ausverkauft, weil die Alten alles weghamstern. Kriegstrauma, wahrscheinlich. Und der Herr Pfarrer hat auch super Argumente. Blau wie der Himmel, blau wie das Kleid der Heiligen Jungfrau sei die EU-Flagge. Und die zwölf Sterne stehen für die zwölf Apostel und die zwölf Monate und die Zahl ist sowieso heilig und vollkommen, weil 2 mal 12 ist 24, und wer am 24. Dezember Geburtstag hat, weiß doch wirklich jeder. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass Hochwürden da über Wikipedia ein bisschen /copy/paste/ gemacht hat und sich zimmermannsmäßig was Schönes, Absurdes zurecht gehämmert hat. Aber Wikis gibt es 1994 noch nicht. Und die Postmoderne und das lustige Spiel mit Versatzstücken ist im Pfarrhaus bis heute noch nicht angekommen. Und überhaupt wird es noch bis weit in die Nullerjahre dauern, ehe es PC und Internet dort gibt.
Diese Argumentation - soviel Heiligen Geist hatte ich bereits - schien mir mehr als zweifelhaft. Auch, weil das Weezer-Album, das ich damals immer hörte, ähnlich blau war und nur bedingt gnadenmütterlichen Spirit versprühte. Vor allem aber war ich von der Heiligen Hemma von Gurk schwer enttäuscht. Bei einem Ausflug, drei Jahre zuvor, in den Dom zu Gurk, durften sich alle Teilnehmer nämlich auf so einen geweihten Wunschstein setzen. Ich wollte, dass meine Akne verschwindet und haute noch ein Vaterunser und zwei Ave Maria extra drauf, aufdass mir ein prächtiges Riesenglied wüchse. Wahrscheinlich vom Ortsnamen inspiriert, betete ich als Zwölfjähriger also um einen echten Hammer von Gurk. Das war wohl zuviel. Meine Akne wurde sukzessive schlimmer und ist eigentlich noch immer nicht weg. Und mein Rücken sieht aus wie das Gesicht von Guido Westerwelle.
Vor allem aber in Sachen Geschlechtsteile differieren Hemmas und meine Auffassung von dem, was so als Mördergurke zu gelten hat. Wobei, zur Verteidigung von ihr möchte ich anmerken, dass sich in den letzten 1000 Jahren die Dimensionen etwas verschoben haben. Was damals staunende Mäuler machte, ist heute nur noch oberer Durchschnitt, aber leider voll unporno. Und dass man die Heilige Hemma eigentlich für problemlose Geburten und bei Augenkrankheiten anruft, wusste ich damals nicht. Die Verehrung in Kärnten geht sogar soweit, dass tief religiösen Schwangeren geraten wird, sich doch ein geweihtes Bild der Heiligen in die Unterhose zu stecken. Also mein Pimmel und meine Haut waren somit gar nicht ihr direkter Kompetenzbereich und wahrscheinlich hat sie dann einfach vergessen, die Angelegenheit zu forwarden. Wobei ich jetzt auch nicht wüsste, welcher Heilige einen dafür erhören muss. Ich hätte also damals besser formulieren sollen, am Wunschstein dort droben: „Gib bitte, dass alle Frauen, mit denen ich sexuell zu tun haben werde, Längen, Weiten und Distanzen optisch nicht so gut verarbeiten können, alles ins Größere verzerrt wahrnehmen und dabei auch noch über meine dermatologischen Makel und Schwächen galant hinwegsehen können. Amen." Aber so schlau, so weitsichtig war ich nicht. Außerdem: Es waren die Neunziger. Da hatte man genug zu tun, die Achtziger zu vergessen. Und Oasis zu hassen. Und Techno. Und House. Und GZSZ. Und sich.

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