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Shout Out Louds: Respekt vor der Arbeit

Von: Katja Schwemmers

Der Indie - Rock der schwedischen Shout Out Louds geht in die dritte Runde. Mit seinem Album "Work" frönt das Quintett nicht nur dem eigenen Handwerk, Frontmann Adam Olenius und Keyboarderin Bebban Stenborg sind überzeugt, damit auch noch Mauern einreißen zu können.

Es gibt zwei Dinge, die man immer wieder über euch liest. Zum einen bezeichnet man euch gerne als die schwedischen Arcade Fire ...
Adam: Das ist ein guter Vergleich. Die Vergleiche, die man bei uns anstellt, sind ohnehin meist positiv. Dennoch muss ich widersprechen: Wir sind die schwedischen Fleetwood Mac. Wir haben ja ein Mädchen in der Band ...
Bebban: Genau.
Adam: Und was ist das Zweite?

Das bezieht sich auf einen weiteren Vergleich. So hat zum Beispiel jemand unter euer Video zum neuen Song „Walls" gepostet, es sei erfreulich, dass ihr neuerdings keine The-Cure-Songs mehr aufnehmt.
Bebban: Diesbezüglich haben wir wirklich viel zu hören bekommen.
Adam: Stimmt. Am Anfang meint man noch, sich die ganze Zeit verteidigen zu müssen. Aber uns ist es mittlerweile egal. Die Leute dürfen aus unserer Musik heraushören, was immer sie wollen.

Bleiben wir bei „Walls". Ist das euer verspäteter Song zum 20. Jubiläum des Berliner Mauerfalls?
Adam: So könnte man es sehen. Das ist etwas dumm gelaufen. (lacht)

Was bedeutet denn die Zeile: „Whatever they say / We are the ones that are building walls"?
Adam: Eigentlich geht es in dem Song um genau das Gegenteil von dem, was diese Zeile aussagt: „Walls" ist eine Power-Hymne, mit der man aufgebaute Mauern wieder einreißen kann.
Bebban: Es geht in dem Song um die negative Energie in der Welt und um den Gedanken, dass irgendjemand die Mauer da mal hingestellt und jeder Stein mal eine Bedeutung gehabt hat. Jeder einzelne von uns kreiert Mauern um sich herum. Ich finde es interessant, wie das geschieht und wie man die Mauer um jemand anderen wieder zum Einstürzen bringen kann. Auf jeden Fall hat der Song die passende Energie dafür - es wird ein Spaß, ihn im Sommer auf Festivals zu spielen. Adam: Das ist auch der Grund, warum wir das Stück als kostenlosen Download zur Verfügung gestellt haben. Wir wollen wirklich, dass die Leute es hören. Es ist ein Akt der Verzweifelung. (lacht)

„Walls", „Four By Four" und „1999" haben ein geradezu jugendliches Feeling, etwas von Rebellion. Habt ihr da was nachzuholen?
Adam: Auch wenn eine Band reifer wird, finde ich es wichtig, etwas Rebellisches in der Musik und den Texten zu haben. Auf der neuen Platte geschieht dies auch mit dem Blick zurück: „1999" war das Jahr nach unserem Schulabschluss, kurz bevor wir die Band gegründet haben. Das waren gute Zeiten. Wenn ich in Songs in Erinnerungen schwelge, passiert in der Gegenwart vielleicht etwas Vergleichbares, und dann merkt man, dass man immer noch dieselbe Person ist wie damals. Natürlich ein wenig weiser, aber die Art, wie du Konflikte austrägst oder dich verhältst, wenn du verliebt bist, das ist mit 30 genauso wie als Jugendlicher.

Das ist wohl generell ein Merkmal unserer Generation.
Bebban: Als Kind hab ich mir immer vorgestellt, wie es sein würde, wenn ich erwachsen bin. Ich hab mich schon mit Lockenwicklern und kleiner Handtasche durch die Welt spazieren sehen - als eine total andere Person. Doch das passiert einfach nicht. Es dauert ja auch nicht mehr so lange, bis wir 50 sind. Aber ich glaube, auch dann wird sich nichts geändert haben. Das ist ein gutes Gefühl. Es ist jedenfalls nicht enttäuschend, dass man sich nicht in eine alte Person verwandelt. Ich bin sehr gespannt, wie unsere Generation mit 80 aussehen wird. Ich werde vermutlich keine krausen, kurzen, weißen Haare haben. Oder vielleicht gerade doch?

Wieso habt ihr euch eigentlich einen so unsexy klingenden Albumtitel wie „Work" ausgesucht?
Adam: Ich finde ihn eigentlich ziemlich sexy. Das klingt doch stark.

Bezieht er sich einfach nur auf eure Arbeit oder auf harte Arbeit?
Adam: Sowohl als auch. Es war ja wirklich harte Arbeit.
Bebban: Warum denken bei dem Wort alle an etwas Negatives? Wir sehen das als Statement, stolz zu sein auf den Berufsstand, den wir repräsentieren. Denn wir sind Teil eines Gewerbes, das sich über die letzten Jahre stark verändert hat - durch das Internet und neue Vertriebswege. Mit dem Titel möchten wir zu der Grundidee zurückkehren, dass es bei der Entstehung eines Albums darum geht, dass - wie in unserem Fall - fünf Leute ihre Kreativität, ihr Wissen und Talent zu Musik verbinden. Es ist Arbeit. Es ist ein Beruf. Und nicht jeder kann den ausüben. Der Titel zeugt also vom Respekt gegenüber dem, was wir tun. Aber nur, weil das unser Job ist, heißt das nicht, dass wir keinen Spaß daran haben.
Adam: Man kann den Titel aber auch auf romantische Art interpretieren: Du werkst 20 Stunden an etwas, bist in einer Art Blase, und dann ist es fertig. Mir gefällt die Vorstellung, ganz in der Arbeit zu versinken.
Bebban: Und etwas, das fertig ist, kann auch als Werk bezeichnet werden. Für mich ist es ein erhabenes Wort. Mir gefällt es wirklich.

Auf dem Single-Artwork von „Walls" ist euer Drummer Eric Edman zu sehen. Werdet ihr das wie die Killers machen und auch jedes weitere Singles-Cover mit einem eurer Köpfe dekorieren?
Adam: Wir haben nur die zwei Liebsten aus unserer Mitte dafür auserkoren. Nach Eric ist Bebban dran. Sie ist der Star der zweiten Single. Und die restlichen unserer Köpfe werden irgendwo versteckt.

Wo ist dabei dein Ego als Sänger?
Adam: Das wäre doch zu naheliegend. Und so bin ich nun mal nicht. Ich wäre das letzte Puzzle als Single gewesen. Aber die ganze Foto-Session für diese Platte war großartig. Sie war inspiriert von den Fotografien des Amerikaners Irving Penn - der Schönheit, Simplizität und Direktheit seiner Fotos. Lustigerweise fanden wir kürzlich auch noch heraus, dass er eine Ausstellung hatte namens „Small Trade", kleines Gewerbe. Dafür hat er Handwerker fotografiert, etwa Zimmerleute und Fischer ... Bebban: Es ist merkwürdig, wie sich alles ineinanderfügt. Die Ausstellung war in Los Angeles, da waren Titel und Artwork unserer Platte schon fertig. Penn hat natürliches Licht benutzt und die Leute so abbilden wollen, wie sie sind. Ohne großes Styling und Posieren, so, dass die Persönlichkeit der Menschen durchkommt. Seine Fotografie war sehr transparent, simpel und extrem poetisch. Auch das passt zu unserem Album.

Die Simplizität zeigt sich bei euch unter anderem darin, dass es die Percussions, die euer letztes Album ausgezeichnet haben, nun nicht mehr gibt. Manche Fans werden enttäuscht sein.
Bebban: Es gibt auch auf dieser Platte Percussions-Instrumente wie das Tamburin. Auf der letzten Platte war das aber einfach extrem - nicht mengenmäßig, aber es ist sehr gezielt zum Einsatz gekommen. Die Percussions waren ja geradezu der Star der Platte.
Adam: Es gibt zwar weniger Percussions, aber wir haben immer noch den Rhythmus. Wir haben Neues ausprobiert und etwa auf dem Studioinventar herumgetrommelt. Auch wenn das nicht mehr die Hauptrolle spielt, so behalten wir den Rhythmus immer im Hinterkopf.

Seid ihr eigentlich gebannt vor dem Fernseher gesessen, als die Folge von „O.C., California" lief, in der eines eurer Lieder vorkommt?
Bebban: Wir sind gar nicht zu Hause gewesen, als die Folge gelaufen ist. Ich hab sie mir dann mal auf Youtube angeguckt ... Auch im Film „Love Vegas" ist ein Song von uns verwendet worden, den hab ich mir im Flugzeug angesehen. Doch als unser Stück kam, habe ich gleich wieder ausgeschaltet, so trivial war diese Szene.
Adam: Und Cameron Diaz ist furchtbar! Da gefällt mir unser Moment in „Nick und Norah - Soundtrack einer Nacht" besser. Da fahren sie gerade rasant mit dem Auto, während unser Song „Very Loud" läuft. Und mit etwas Abenteuer assoziiert zu werden, wünscht sich doch eigentlich jeder Songschreiber.

Erschienen auf tba.cc.

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