Poolbar Blog

2017


2016


2015


2014


2013


2012


2011


2010


2009


2008


André Pilz: Abgestürzt in Giesing

Aus seinem in allen Gazetten abgefeierten Roman "Man Down" wird Andre Pilz beim poolbar-Festival lesen. Hier die überaus positive Kritik von Alexander Kluy im Standard - aber Achtung: wer das Buch noch nicht gelesen hat, erfährt hier vielleicht ein bisschen zu viel.

Abgestürzt in Giesing
Der Vorarlberger schrieb mit "Man Down" einen harten, schnellen, dreckigen Roman über Menschen am Boden

Giesing. Haben sich in diesen Stadtteil von München jemals Touristen verirrt? Dönerläden, Diskontfriseure, Sozialwohnungen aus den 1950ern, verranzte Stehkneipen in Sichtweite der Stadtautobahn. Hier leuchtet die Stadt an der Isar nicht. Böse Zungen behaupten, es gäbe in Giesing drei kulturelle Einrichtungen: Hertie (mittlerweile geschlossen), McDonald's und das alte Stadion des TSV 1860 München, jenes Fußballteams, das seit langem sportlich im Mittelmaß dahindümpelt und finanziell kurz vor dem Kollaps steht.

Giesing. Dort lebt Kai Samweber, die Hauptfigur des dritten Romans des aus Vorarlberg stammenden André Pilz, der nach vielen Jahren in Innsbruck heute in München-Giesing lebt. Kai ist abgestürzt. Bildlich wie buchstäblich. Als Dachdecker in Diensten einer Zeitarbeitsfirma fiel der 25-Jährige, unangeseilt und am Ende eines Arbeitstages übermüdet, von einem Dach, brach sich zahlreiche Knochen, hinkt seither, ist arbeitslos - und chancenlos. Er ist auf null gelandet. Seine Wohnung: ein Loch. Seine Tage auf der Matratze eine einzige Folge von Masturbation, Kiffen, Saufen, Zeittotschlagen mit seinem türkischen Kumpel Shane.

Da sein Exarbeitgeber in Insolvenz gegangen und ihm ausstehende Zahlungen schuldig geblieben ist, kann er weder für seine Kosten nicht aufkommen noch Schulden zurückzahlen. "Ich war fett im Minus damals. Ich bekam ständig Briefe von meiner Bank, manchmal sogar zwei, drei in der Woche. Ich strich meinen Namen durch und schrieb ‚unbekannt verzogen‘ auf die Kuverts, dann warf ich sie in den nächsten Briefkasten. Die Bankmenschen riefen mich an, aber ich sagte, ich wäre nicht ich. Ich wäre nicht da."

Kai, schon zu Auftakt gespalten und sich entfremdet, ist ganz unten, am Ende, auf dem untersten Boden der Gesellschaft aufgeschlagen. Man Down heißt im Jargon der US-Militärs "Soldat am Boden" . Da Kai Ögal und Ugi, Shanes skrupellosen wie brutalen Brüdern, Geld schuldet, fällt er noch eine Stufe tiefer. Er kann seine Schulden nur noch als Kurier abarbeiten. Und so schmuggelt er Haschisch von Innsbruck nach München. Sein Abnehmer ist Rugby, der es in einem Studentenwohnheim vertickt. Kai begegnet Marion und verliebt sich in sie. Doch ihre Liebe hat keine Zukunft. Denn Marion wiederum prostituiert sich, weil ihr Bruder Schulden bei Ögal und Ugi hat. Als Kai dahinterkommt, stürzt für ihn in diesem trotz tiefschwarzen Schutzumschlags nicht durchgehend düsteren Roman die letzte stützende Mauer ein.

Dabei hat er selbst ein dunkles Geheimnis. Er fühlt sich am Tod seines Bruders Florian schuldig, der ertrank, nachdem Kai ihn ins Wasser gestoßen hatte; und Florian schreibt Kai in seinen schwärzesten Phasen tagebuchartige Briefe voller Konfessionen und Sehnsüchte. Bei seiner mutmaßlich letzten Kurierfahrt wird Kai von der Polizei gefasst und packt aus. Seinerseits stellt er in einem westernartigen Showdown hoch über München den Unternehmer, der ihn betrügerisch um seinen Lohn gebracht und dies mithilfe eines Rechtsanwalts juristisch konform hingebogen hat.

Ähnlich wie die Bücher des noch breitflächiger tätowierten Leipzigers Clemens Meyer ist Man Down ein rabiater Schlag auf den Solarplexus der Konformität, ein Anschlag auf die laue Abgestandenheit eines Literaturbetriebs, der sich im Dreieck von Altbauwohnungen, Verlagsempfängen und Literaturfestivals abspielt. Hier, ganz unten, werden keine Scheinprobleme abgehandelt, sondern existenzielle: Reicht das Geld bis zum Monatsende? Wie physisch überleben, morgen, übermorgen, wenn die Gesellschaft einen als unnütz ausgespuckt hat und Moral Luxus geworden ist? Dementsprechend ist die Sprache: der Straße abgelauscht, voller F-Wörter, voller Direktheit. Rau, aggressiv, derb bis zur obszönen Beleidigung. Zugleich ist dieser Roman, der an Charles Bukowski sowie an den frühen Chuck Palahniuk erinnert, ein Wutschrei: gegen soziale Ungerechtigkeit, für die sozial Randständigen und Überflüssigen.

Die deutsche Literatur hat immer wieder Autoren hervorgebracht, die sich auf außerliterarische Revolten einließen, auf Milieus, die anderen als Testosteron-niederungen erschienen, Jörg Fauser etwa oder Wolf Wondratschek. Mit André Pilz gibt es nun eine jüngere kraftvolle Stimme. "Beim Anfang mit der Bank hat mich die Wirklichkeit überholt", gesteht der schmale Vorarlberger, der mit energischem Körpereinsatz zu Musik schreibt, im Gespräch. Zu hoffen steht, dass der Verlag seine Neigung zum Sentimentalen stärker kanalisiert und ihm beim nächsten Buch zu größerer dramaturgischer Komplexität rät, was die imposante Wucht nachhaltig steigern dürfte. (Alexander Kluy, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 10./11.04.2010)

0 Kommentare
Anmelden zum Kommentieren