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André Pilz im Interview über "Man Down"

Interview von Markus Stegmayr

Das erste, das immer wieder auffällt, ist, dass das Wort „authentisch" sehr oft fällt, wenn über Ihre Texte, vor allem über „Man Down" gesprochen und geschrieben wird. Wie wichtig ist es Ihnen selbst, dass Ihre Texte authentisch sind, vom „Leben erzählen"?

Ich denke einfach, dass ich jemand bin, der sehr aus dem Bauch heraus erzählt. Und über Milieus, über die ich Bescheid weiß. Ich könnte nie eine Yuppiegeschichte erzählen [...] Ich möchte, dass die Geschichten „echt" sind, auch wenn sie Fiktion sind. Eine Geschichte am Reißbrett frei erfinden - das liegt mir nicht, ich glaube, das werde ich nie können.

Bei der Lektüre Ihres neuen Buches „Man Down" ist mir immer wieder ein Zitat von Frank Kafka eingefallen: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns". Würden Sie Ihren Texten eine solche mögliche Wirkung zuschreiben bzw. wie würden Sie dieses Zitat in Zusammenhang mit ihren Texten bringen?

Eigentlich überlege ich mir beim Schreiben nicht, was der Text für eine Wirkung auf den Leser hat. Ich schreibe - zuallererst - nur für mich. Ich habe aber ziemlich bald mitbekommen, dass meine Texte Leute aufwühlen [...] und das ist doch was Tolles. Dinge in Frage zu stellen, Menschen zum Nachdenken zu bringen, dafür zu sorgen, dass ein Buch, auch wenn es ausgelesen ist, noch weiter in den Köpfen ist. Schlimmer wäre es, wenn meine Bücher/Texte die Menschen kalt lassen. Ich liebe ja Bücher, die genau das sind - eine Axt für das gefrorene Meer in mir. Also - diese manchmal so hochgepriesenen stinklangweiligen, sprachlich großartigen Bücher lassen mich sehr oft sehr, sehr kalt. Und ich leg sie auch schnell beiseite.

Sie arbeiten ja in ihrem Text „Man Down" mit Alltagssprache. Wie gehen Sie mit dieser um? Glauben Sie, dass diese möglichst ungeschönt und ungeschminkt in Ihre Bücher Einzug halten soll? Oder ist diese Sprache nur Ausgangsmaterial, sozusagen ein literarischer Kunstgriff?

Ich habe mich nie bemüht, krampfhaft einen „Straßenslang" reinzudrücken. Das ist die Sprache, wie sie die Leute z.B. bei uns im Stadion sprechen, wie sie sie in der U-Bahn z.T. sprechen. Es wundert mich ja immer, wenn mir Leute hin und wieder vorwerfen, ich würde da übertreiben. Das kommt sehr oft von denen, die seit 20 Jahren mit ihrem BMW durch München fahren und gar nicht mehr wissen, wie eine U-Bahn von innen aussieht. Also - so wie Shane, Kai usw., so sprechen viele junge Männer in dem Land.

Ich würde nicht sagen, dass sie übertreiben. Meine Frage war darauf gerichtet, ob es funktionieren kann, wenn Menschen in Büchern wie die Menschen auf der Straße sprechen - oder ob es da noch eine „Formung" braucht, einen gewissen Umgang mit „Sprachmaterial"?

Ja, ich denke, die Dialoge sind natürlich zugespitzt. Ich klau diese Dialoge nicht, wenn man das 1:1 schreiben würde, was so manche Leute reden, dann würde das wohl kaum einer mehr lesen wollen - jedenfalls nicht über viele Seiten.

Wie würden Sie das Stilmittel der Zuspitzung beschreiben? Wie gehen sie da literarisch (in etwa) vor?

Naja, ich arbeite schon sehr gezielt an Dialogen. Ich schreibe z.B. eine Szene mit Dialogen, die passen so gut wie nicht. Der erste Entwurf passt so gut wie nie. Da muss man schon noch mal drübergehen, versuchen, das Optimale herauszuholen. Ich liebe gute Dialoge. Bukowski oder ganz aktuell Corcac McCarthy und auch Denis Johnson, also ganz einfache Dialoge, die aber messerscharf sind. Auch witzig sind. Ich denke im wirklichen Leben gibt es nur wenige Menschen, die so witzig sind, wie die Personen in den Büchern dann oft sind. Ich kenne ein paar, aber auf einen fallen wohl 50, die man nicht zitieren könnte.

Eine besonders eindrucksvolle Passage habe ich auf S. 176. in „Man Down" gefunden: „Ich sehne einen Krieg herbei. Einen gerechten. Einen, für den es wert ist zu sterben." Würden Sie im Lichte dieses Zitats Ihrem Text eine „reinigende", kathartische Wirkung zuschreiben. Ist es ein Buch, das vielleicht gar einen „gerechten Krieg" anzetteln will, indem es den LeserInnen die Ungerechtigkeiten vorführt?

In erster Linie glaube ich, haben meine Romane alle - in erster Linie - eine reinigende Wirkung auf mich. Das war jedes Mal so. es ist wie ein Boxkampf gegen einen bösen, zähen Gegner, aber am Ende gehe ich aus dem Ring als Sieger [...] z.B. bei Bataillon: es gingt um Zwangsprostitution, ich habe von dem Thema erfahren, habe intensiv recherchiert, bin - drastisch ausgedrückt - in eine Unterwelt gestiegen, wo unfassbares Leid herrscht, das hat mich sehr beschäftigt, sehr bedrückt, aber als der Roman im Kasten war, fühlte ich mich frei. Leider, leider glaube ich nicht mehr daran, dass man die Welt verbessern kann. Ist ein Missstand behoben, gibt es einen neuen. Als ich noch sehr jung war, glaubte ich an den Kampf für das Gute, für die Gerechtigkeit. Jetzt mache ich mir da keine Illusionen mehr. [...] Ich schreibe die Bücher, die Geschichten, die ich schreiben muss, weil ich auch gar keinen anderen Job machen kann, aber ich habe mich davon verabschiedet, dass es großen Einfluss könnte. Es ist aber ein toller Nebeneffekt, wenn jemand z.B. „Bataillon" liest und sich über das Thema Gedanken macht.

André Pilz liest am 12. August beim poolbar-Festival aus seinem Roman "Man Down".
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