Poolbar Blog

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Flieg! Editorial von Philipp Sonderegger

Das poolbar-Festival ist 17. Und weil ein Menschenjahr drei Festival-Jahre hat, ist sie eigentlich schon 51. Zeit etwas zurückzublicken und Bilanz zu ziehen. Zeit darüber nachzudenken, ob man vielleicht noch mal ausschwärmt, vielleicht nochmals komplett woanders hinfliegt.

Da trifft es sich gut, dass die Goldenen Zitronen endlich den Weg zum poolbar-Festival finden. Wie keine andere Band gleichen DGZ dem Festival. Wie keine andere Band stehen DGZ für ein Ringen zwischen zwei Polen, das auch das Kraftfeld der poolbar erzeugt: Hier der Wunsch, das Bestehende von Innen anzugreifen, indem Alternativen einfach in die Tat umgesetzt werden. Fakten schaffen. Und da der Druck zur Anpassung ans System - wenn man den eigenen Schrebergarten überschreiten will. Wie keine andere Band eignen sich DGZ dafür, etwas inne zu halten und über Vergangenheit und Zukunft nachzudenken.

Zur Unterhaltung verdammt
Durch ihren schnellen Erfolg finden sich die „Goldies" zu Beginn ihrer Karriere plötzlich auf Bühnen in Kirmeszelten wieder. Dort grölen Volltrunkene am Rande der Bewusstlosigkeit: „Alles was ich will, ist die Regierung stürzen". Ein Lehrstück, dass jede noch so radikale Botschaft zum Konsumgut entschärft werden kann. Für die Punks ein Wendepunkt.

Auch das poolbar-Festival gratwandert: Zwischen dem Drang, neben Berg und Wiese eine andere kulturelle Wirklichkeit zu schaffen, und den Zwängen, die eine marktwirtschaftlich organisierte Popkultur mit sich bringt: Kühne Wir-sind-schon-Volljährige eignen sich ein leer stehendes Gebäude an und locken ohne irgendeinen Tau von kaufmännischem Gebaren internationale Acts in die Provinz. Irgendwann die Pleite. Mehr als eine halbe Million Schilling Schulden auf den Schultern von sechs Studis. Und dann die Erkenntnis: „Da kommen wir nur raus, wenn wir weiter machen und lernen, wie's funktioniert."

Aufregende Grenzüberschreitung
Die Goldenen Zitronen führte ihr kommerzieller Erfolg auf den umgekehrten Weg. Und der mündet mitunter in die Sperrigkeit. Nichts soll gefällig sein, nichts unhinterfragt, nichts Pose. Keine Major-Labels und Sponsoren, keine fixen Positionen in der Band. Immer alles anstrengend. Auch musikalisch verschrieben sich DGZ dem Ignorieren von Konventionen und rissen dabei Genregrenzen ein. Spätestens mit „Dead School Hamburg" waren DGZ die aufregendste Band der Welt, weil sie Rock, Elektronik, Politik und Poesie miteinander verschmolzen.

 

Eine zweite Eigenschaft der Band, mit der sich auch das poolbar-Festival von anderen Veranstaltungen abhebt: Kein anderes Festival hat so ein breites Spektrum an Ausdrucksformen im Programm. Während das Publikum der poolbar breiter wird, musste sich der eine oder andere Fan von den alten „Goldies" verabschieden: Fast schon wieder zur Ikone wurde die Publikumsbeschimpfung durch Sänger Schorsch Kamerun, wenn Punks bei Konzerten ihr Genre nicht wiedererkannten und „Für immer Punk" als Zugabe einforderten.

Plötzlich neue Positionen
Das poolbar-Festival war immer schon ein Vögelchen. Mit dem Rand des eigenen Nestchens hat es sich nie zufrieden gegeben. Von Anfang an hatte man sich an Orten hinter jenem Horizont orientiert, den Gott durch Berge begrenzte: an Wien, Paris, London, Berlin, New York.

„Plötzlich neue Positionen/ Die Fähigkeit zur Handlung/ Und aus reinen Wünschen springt überraschend frischer Anspruch", spricht einer auf der aktuellen DGZ-Platte. Vielleicht fliegt auch das poolbar-Festival wieder ein Stückchen weiter. Wahrscheinlich schon heuer, ansonsten schon nächstes Jahr.

Der Autor Philipp Sonderegger hat das poolbar-Festival bis 2001 mit aufgebaut und ist Sprecher von SOS Mitmensch (sosmitmensch.at).

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