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Skero: Das gelungene Experiment

Von: Klaus Buchholz

Ein sommerliches Virus breitet sich aus: »Kabinenparty«. Österreich hat das Texta-Mitglied Skero mit dieser Single aus seinem Solodebüt bereits infiziert. Deutschland soll folgen. Party kann man eben überall machen, auch mit Hip-Hop aus der Alpenrepublik.

Ist »Kabinenparty« mittlerweile zu deinem Segen oder Fluch geworden?
Finanziell und was die Bekanntheit betrifft, ist es schon ein Segen. Fluch ... Naja, wenn man viel live spielt, muss man sich halt ständig wiederholen. Das tut man zwar nicht so gern, aber es ist halt einfach ein Job. Ich finde die Nummer nach wie vor geil und performe sie auch gern live, solange die Leute so drauf ausflippen. Es gibt andere Leute, die machen jeden Tag dasselbe, ich mache halt nur am Wochenende dasselbe (lacht).

Überschattet dieser eine Track dein bisheriges Schaffen?
Ich wollte mit diesem Track eh ein bisschen die Aufmerksamkeit von anderen Leuten auf das Album lenken und das hat teilweise funktioniert. Es interessieren sich immer wieder Leute für das Album, und bei manchen ist es mir auch wurscht, wenn sie sich nicht dafür interessieren. Dann sollen sie die eine Nummer hören, bis ihnen die Ohren abfallen, und dann interessieren sie sich wieder für etwas anderes - auch okay. Es gibt auf jeden Fall mein Album, das hat sehr viel Potenzial, sehr viel zu erzählen, und wer sich das geben will, der kann das tun und wer nicht, der nicht. Aber es war schon ein Ziel, mehr als ein FM4-Publikum zu erreichen.

»Kabinenparty« ist ja ein klassischer Partytrack und scheint ein Vakuum im österreichischen Hip-Hop gefüllt zu haben. Ist das Stück der Auftakt zu noch mehr Party?
Ich weiß auch nicht, wir haben mit Texta schon sehr viele Party-Tracks gemacht. Es war oft die Diskussion, ob das nun ein Club-Hit werden könnte. Aber irgendwann hat man das aufgegeben und sich gedacht, okay so was kommt einfach nicht in die großen Clubs. Große Discos werden sich einfach nie trauen, bestimmte Sachen zu spielen, und bei meiner Nummer war es auch so, dass nicht die DJs sich von selbst getraut haben, sondern dass die Leute andauernd zu den DJs gekommen sind und gesagt haben: »Hey, spiel ›Kabinenparty‹!« Und die DJs haben gesagt: »Was? Wovon redest du?« So dass dann die Discobesitzer selbst gesagt haben: »Hey, was ist das für eine Nummer? Schauen wir uns das an.« Und die DJs haben das dann widerwillig gespielt und gesehen, dass die Leute völlig ausgeflippt sind. Ö3 (Österreichs größte Radiostation; Anm. d. Red.) ist auch erst aufgesprungen, nachdem das ganze Ding 90.000 Clicks gehabt hat. Dann hat von meinem Label Hoanzl mal jemand bei Ö3 angerufen. Dort haben sie gesagt, sie beobachten die Nummer schon seit Längerem. Die waren auch extrem vorsichtig. Das ist eben auch eine große Leistung von »Kabinenparty«, dass diese Vorsichtschwelle durchbrochen worden ist. Aber nicht durch eine Major-Promotion, sondern einfach, weil die Leute das so gepusht haben. Auch diese ganzen Facebook-Gruppen, die sich da gegründet haben. Da habe ich gar nichts dazu gemacht, das ist einfach so entstanden. So etwas ist schon super, das taugt mir sehr, das ist schon ein ehrlicher Erfolg irgendwie.

Wäre Mundart-Rap ein Instrument oder Vehikel ein breiteres österreichisches Publikum zu erreichen, um österreichischen Hip-Hop aus der Versenkung zu heben?
Ja, das kann schon sein. Dass Leute es überhaupt wieder gewöhnt sind, dass jemand mit ihnen Mundart redet. Austro-Pop war ja eigentlich auch Mundart. Dazwischen ist ja ewig nix passiert, dazwischen waren die Leute nur hochdeutsche Hits gewohnt. Jetzt sind sie schon ein bisschen sensibilisiert. Aber es waren in Österreich auch extrem viele Leute, die gesagt haben: »Hey, ich versteh kein Wort von ›Kabinenparty‹.« Das liegt auch daran, dass viele Mundart-Ausdrücke gar nicht gebräuchlich sind. Das ist schon etwas, dass mir auch taugt, Mundart-Ausdrücke wieder in den allgemeinen Sprachgebrauch einzuführen. Ich glaube schon, dass wir da mit Texta und auch mit meinem Album schon extrem viel Fortbildungsarbeit geleistet haben, dass die Leute das aber vielleicht gar nicht merken ... Österreich ist ja sowieso immer im ständigen Minderwertigkeitskomplex (lacht), und da wird es halt dann immer gleich gefährlich, wenn der Komplex angestupst wird und es dann sofort umschlägt in diese »Wir sind wir!«-Mentalität. Ich finde es ja eh super, dass Österreich so klein ist, so eine kompakte Form hat und einfach ein Land ist, wo es nicht um so viel geht, wo jetzt nicht so ein immenser Druck auf allem liegt, weil es eben eine kleine Einheit ist. Mir taugen kleine Einheiten immer mehr - deshalb auch Kabinenparty in Zeiten der Globalisierung (lacht).

Siehst du da eine Möglichkeit für Austro-Pop und Hip-Hop? Könnte das die alten Helden des Austro-Pop ablösen?
Ja, das kann schon passieren. Es gibt auch viele Leute, die jetzt sagen: »Ich hab früher Austro-Pop gehört, und ›Kabinenparty‹ ist die erste Nummer seit Langem, die mir wieder gefällt.« Ich will mich jetzt gar nicht mit einem Fendrich oder so vergleichen. Also, ich bin zu einem gewissen Grad schon ein Austro-Pop-Fan, und mich haben diese Leute auch sehr geprägt, aber ob das jetzt die neue Austro-Pop-Welle wird, das weiß ich nicht ... Früher war der Markt auch noch ganz anders, aber ich glaube, dass es definitiv so ist, dass die Medien jetzt wieder mutiger werden, weil sie sehen, da gibt es ein Interesse und die Leute feiern auch österreichische Sachen, und da braucht man sich nicht zu verstecken. Aber das sieht man dann eh, wenn ich was Neues rausbringe, wie schnell das angenommen wird, oder ob sie dann eh wieder genau so vorsichtig sind wie eh und je und darauf warten, bis das auf YouTube eine Million Clicks hat.

Wie wird Skero in Deutschland wahrgenommen?
Texta sind sowieso bekannt in Deutschland, vor allem auch im bayrischen Raum, und ich glaube auch weiter oben - uns gibt es einfach schon so lange, dass da keiner an uns vorbei kommt. Mit meinem Soloalbum habe ich in Deutschland eigentlich auch sehr gute Promotion und Presse gehabt. Ich habe noch gar nicht so viel in Deutschland gespielt, aber jetzt kommen auch sehr viele Angebote, weil »Kabinenparty« in Deutschland ungefähr den selben Weg nimmt wie in Österreich, nämlich auch über Großdiscos. Anscheinend, weil viele Deutsche in Österreich auf Urlaub waren und diese Nummer auch nicht an ihnen vorbeigegangen ist. Insofern verlagert sich das Virus jetzt auch nach Deutschland. Und weil du mich auf die Texta-Jungs angesprochen hast: Am Anfang haben sie überhaupt nichts mit dem Track anfangen können und waren sehr skeptisch, aber mittlerweile sehen sie einfach, was da abgeht, und haben komplett akzeptiert, dass das ein leiwander Track ist, auf den alle Leute stehen und der auch live extrem super funktioniert.

Dann haben sich deine Band-Mitglieder also am schwersten überzeugen lassen?
Für die war das immer »Atzen-Musik«. Aber für mich hat das mit »Atzen-Musik« gar nichts zu tun. Der Beat ist auch nicht technoid, und was ich flowtechnisch aufführe ... Da finde ich »Atzen-Musik« eine grobe Beleidigung! Was die flow-mäßig aufführen ist seit 20 Jahren ähnlich und hat auch seine Berechtigung, ich meine MC Frauenarzt ist ja auch schon ewig im Geschäft, aber flowtechnisch war das immer schon eher eine Krücke (lacht). Ich habe schon versucht, einen Partytrack zu machen, der nicht so stumpf wie möglich ist, sondern versucht, eine Story zu erzählen, einen Schmäh reinzubringen, einen DJ-Part und einen Feature-Part drinnen zu haben. Die Nummer bietet einfach sehr viel. Auch vom Arrangement her. Es war ein Experiment, und es hat »Partysong« geheißen. Ich glaube, das ist mir gut gelungen. Sonst würde es nicht so funktionieren.

Das Virus »Kabinenparty« breitet sich jetzt also schön langsam in Deutschland aus.
Ja, mich hat von Universal Berlin einer angerufen und mich gefragt, ob ich nicht eine hochdeutsche Version machen könnte, sie würden das jederzeit rausbringen (lacht).

Was war deine Antwort?
Ich glaube nicht, dass das so funktioniert. Entweder die Nummer wird so gefressen, wie sie ist, oder nicht. Ich habe es auf jeden Fall abgelehnt ... Vielleicht war es ein Fehler. Aber für mich ist »Kabinenparty« schon zu weit weg, da habe ich keine Lust, das noch einmal aufzublasen, da mache ich lieber eine neue Nummer.

Erschienen auf tba.cc.
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