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Wir sind Helden: Studiotagebuch Teil 7

Eintrag vom 1. Oktober 2010

22. April 2010
Ein hal­ber Don­ners­tag: Psy­cho­sen­part und Bart Sim­pson

11.​05 Uhr
Noch kei­ner da außer Ian, der schon dabei ist, einen „Boun­ce", quasi Rough Mix von „Wolf und Bri­git­te" zu ma­chen, für die Plat­ten­fir­men­vor­spiel­ak­ti­on heute abend. Das schö­ne Lied, das ges­tern abend und heute mor­gen dem Pro­to­kol­lan­ten als Ohr­wurm nach­sch­lich, klingt durch die mal wie­der frisch ge­saug­ten, duf­ten­den Flure. Es ist eine Art von Idyll.

„Wenn die an­de­ren schon längst im Zelt waren und schlie­fen
saß Wolf­gang al­lei­ne am Strand", singt Ju­dith

Ian kommt in die Küche, Tee holen, und fragt den Pro­to­kol­lan­ten, mal ganz ehr­lich: „Tell me: Does this sound like a Wir sind Hel­den re­cord?" Ja, das tut es. Auf seine Art.

„I'm gonna boun­ce the next one", sagt Ian und boun­ced dann „Dra­ma­ti­ka" mit sei­nem sehr som­mer­vor­mit­tags­taug­li­chen Akus­tik-​Shuf­fle.

12:24 Uhr

Immer noch nie­mand da. Ian boun­ced oder com­ped (oder was auch immer) mitt­ler­wei­le seit ei­ni­ger Zeit „Was uns bei­den ge­hört". Das rhyth­mi­sche Ak­kor­de­on-​In­tro hallt durch die Flure, immer und wie­der immer wie­der. Of­fen­bar ist das eine etwas schwie­rig hin­zu­krie­gen­de - um nicht zu sagen „tri­cky" - Stel­le am An­fang und Ian geht immer wie­der auf An­fang. Hun­dert­mal die­ses Ak­kor­de­on-​In­tro, das hun­dert­mal immer wie­der just dann ab­bricht, wenn der ab­he­ben­de Beat ein­setzt. Au­ra­ler coi­tus in­ter­rup­tus ad in­fi­ni­tum. Oder so. Es ist ein biss­chen qual­voll.

13:00 Uhr

Ju­dith, Pola lau­fen mit Baby Mimi und Sit­te­rin Isa ein. Es wird nach Kräf­ten in der Küche her­um­ge­ses­sen. Wenig pas­siert. Sehr wenig pas­siert. Ne­ben­an com­ped Ian nun schon seit an­dert­halb Stun­den am Ak­kor­de­on von „Was uns bei­den ge­hört" herum, und je län­ger man's hört, desto mehr schal­lerts einem im Kopf und desto zwin­gen­der wird der Nr.-​1-​Hit.

Ju­dith er­zählt, wie Ian und sie sich da­mals bei ihrem ers­ten Te­le­fo­nat über die Demos un­ter­hiel­ten, die sie Ian ge­schickt hat­ten und er sich be­son­ders be­geis­tert zeig­te von „Was uns bei­den ge­hört": „The ‚psy­cho­sis' part to­tal­ly pays off!", freu­te er sich. Und Ju­dith frag­te sich, was er bloß mei­nen könn­te. Der Psy­cho­sen­teil? Gut, viel­leicht eine ge­wis­se psy­cho­ti­sche Grund­stim­mung, die dem Song in­ne­wohn­te ... Ian mein­te na­tür­lich das Break mit der in Stak­ka­to ge­sun­ge­nen Zeile „ein Kuss ist ein Kuss ist ein Kuss ist ein Kuss". Der weiße Neger Wum­ba­ba.

Zwi­schen­durch kommt Ian aus sei­ner Ver­gra­bung im Re­gie­raum. Kur­zes Fach­ge­spräch über Dolly Par­ton, die nach ein­hel­li­ger Mei­nung der Dis­ku­tan­ten un­ter­schätzt wird. Ju­dith er­zählt, wie sie, die von jeher Coun­try-​o-​phi­le ein­mal ver­such­te, den no­to­risch Coun­try-​ab­ge­neig­ten Jean für Coun­try zu er­wär­men und zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen „at the wrong end" an­fing, indem sie ihm gleich mal zum Auf­takt Dolly Par­ton auf­tisch­te.

13:56 Uhr

Jetzt wird „Dumm die, die dumm" ge­boun­ced, mit dem Quiet­sche-​Syn­the­si­zer. Boun­ce boun­ce. Quietsch quietsch.

Pola ist schlapp. „Alles okay, ich hab nur ges­tern Nacht eine Stun­de zu wenig Schlaf be­kom­men. Oder sagen wir an­dert­halb Stun­den." Wohl dem, der sein Schlaf­kon­to so genau im Blick und so unter Kon­trol­le hat, dass er sich - wie nun Pola - mal eben auf die Couch legen und einen Aus­gleich her­bei­füh­ren kann. Der Mann kann aus dem Stand ein­schla­fen! Also: im Lie­gen; aber aus dem Stand!

Ian hätte da noch was an­de­res an­zu­bie­ten: „Do you wanna try the Da­ven­port Pick-​Me-​Up? Tea and Beroc­ca." Den Da­ven­port'schen Wie­der­auf­rich­ter? Pola ist eh schon ein­ge­pennt - aber uns würde das in­ter­es­sie­ren. Beroc­ca? Nie ge­hört. „Beroc­ca?", sagt Ian. „It's the secret of my ..." Suc­cess? Durch­hal­te­ver­mö­gen? Was ist das für hei­ßes Zeug? Er zeigt ein Plas­ti­kröhr­chen mit „En­er­gy Re­lease"-​Auf­lö­se­ta­blet­ten, Ge­schmacks­rich­tung Oran­ge, ab­ge­packt von einer gro­ßen bri­ti­schen Su­per­markt­ket­te. Ein Vit­amin-​En­er­gy-​Kon­zen­trat-​Ge­bräu, das es, sagt Ian, in Deutsch­land nicht zu kau­fen gibt. Und Ians Vor­rat geht zur Neige. Er muss sich wohl ein paar Röhr­chen ein­flie­gen las­sen aus Eng­land. So was haut na­tür­lich die Kos­ten so einer Plat­ten­pro­duk­ti­on im­mens in die Höhe - aber wenn's hilft ...

14:08 Uhr

(Nach­trag Au­gust: Wie es der Teu­fel oder wer auch immer will, dreht sich viel in den nächs­ten Ab­sät­zen um zwei Songs, die - wie wei­ter oben schon ein­mal er­wähnt - letzt­lich nicht auf dem Album ge­lan­det sind. Hier ist Hoff­nung, dass die Ab­sät­ze trotz­dem in­ter­es­sant ge­fun­den wer­den kön­nen. Zumal an­zu­neh­men ist, dass diese Lie­der frü­her oder spä­ter das Licht der Welt er­bli­cken wer­den, oder wie Jean-​Mi­chel Tou­ret­te zwi­schen­zeit­lich be­merk­te: „Wir haben die ja nicht ge­löscht.")

Wäh­rend drau­ßen ihr Schlag­zeu­ger/Ehe­mann ruht und der Rest der Band noch in Frei­zeit weilt, ist Ju­dith in die Ge­sangs­box ein­ge­zo­gen. Am Nach­mit­tag sol­len jetzt ein paar Ge­sangs­spu­ren ent­ste­hen - mit spe­zi­el­lem Au­gen­merk dar­auf, ein paar Songs zu kom­plet­tie­ren, die man even­tu­ell dann heute abend noch dem Plat­ten­fir­men­mann prä­sen­tie­ren kann.

Zu­nächst „Lo­nely Pla­net Ger­ma­ny". Ian spielt Ju­dith den Song vor, wie er jetzt da­steht und weist auf eine Schwie­rig­keit hin. Es gibt ein Pro­blem mit der Phra­sie­rung des Wor­tes „Ger­ma­ny", die sie falsch ein­ge­fä­delt haben und die nun ein­fach nicht rich­tig im Rhyth­mus­kon­strukt sitzt. Es hilft wohl nichts: Ju­dith wird frü­her oder spä­ter noch mal ran müs­sen an die­ses Lied, das eine sol­che „bitch to sing" ist.

14:20 Uhr

Erst mal macht man sich an „Dumm die, die dumm". Wir er­in­nern uns (oder auch nicht): Das eckig hop­peln­de Pop-​Ding mit dem bra­ten­den Synth.

„Womit be­ein­druckt man die Welt?
Na ja, ein Held wär gut
Womit be­ein­druckt man den Held?
Ein biss­chen Geld wär gut
Aber wenn der Held sich ge­ne­rell mit jenem Geld schwer tut
Oder sich ein­fach grade gern in sei­nem Zelt aus­ruht

Dann singt er ...
Dumm die, die dumm...", singt Ju­dith

Ian: „You're sin­ging it great, you know. No need to chan­ge any­thing. Just sing it, let it hap­pen. Don't think about it."

Zwei­ter Take.

Ju­dith ver­passt den Ein­satz.
Ju­dith: „Sorry, now I wasn't thin­kig about it at all."

Da ist wie­der diese rät­sel­haf­te An­mer­kung von Ian, die wir in die­sen Tagen schon ein paar Mal ge­hört haben: „Be ca­re­ful with the Bart." Oder „That soun­ded a litt­le bit barty."

Bart? Was ist das nun wie­der für ein Fach­aus­druck?

Ju­dith er­klärt's mit einem Sei­ten­blick: „Bart Sim­pson."

Oh. Es ist der de­zen­te Hin­weis, die Sprach­re­ge­lung zwi­schen Ian und Ju­dith, wenn ihre Stim­me an einer Stel­le zu quä­kig wird. Wie Bart Sim­pson eben.

14:38 Uhr

Ian: „Okay, one for luck. No, two for luck."

TWO for luck? How many more for luck?

Sie sind dabei, guide vo­cals für den Song zu ma­chen, das sind nicht die Lead Vo­cals, son­dern nur Ar­beits­un­ter­la­ge für die nächs­ten Over­dub-​Ses­si­ons. War diese In­for­ma­ti­on hilf­reich für Sie?

14:39 Uhr

Nächs­te Stro­phe.

Ian be­schimpft ein wenig sei­nen wi­der­spens­ti­gen Com­pu­ter und be­stellt dann bei Ju­dith „noch ein paar zwei­te Stro­phen".

Ian: „Let's have a coup­le more se­cond ver­ses."

„Womit er­obert man das Land?
Ein biss­chen Tand wär gut
Ein Dia­mant aus Glas
Ein Freund­schafts­un­ter­pfand wär gut
Ein gül­den plas­ti­ker­nes Band für jede Hand wär gut
Und wenn auch nicht grade ein Schloss
Dann doch ein Dach­ge­schoß aus Sand", singt Ju­dith

Ju­dith: „How am I ever gonna do this live?"

Was für ein Zun­gen­bre­cher­text. Trotz­dem ver­singt sich Ju­dith nur zwei­mal.

Ju­dith: „I was chea­ting. I left a few words out."

Noch ein­mal die zwei­te Stro­phe. Ju­dith hat wie­der ge­mo­gelt (nicht, dass es der Pro­to­kol­lant ge­merkt hätte)

Ju­dith: „Ich hab wie­der das Wort raus­ge­las­sen. Aber ich glau­be, das kann ich eh weg­las­sen."
Ian: „Where? In the pick­up? (Auf­takt) Yeah, there's lot of words in there, aren't there. The­res's lots of ‚gllmb gl­glgl' in there. That's not even Ger­man, is it?"

14:50 Uhr

Ju­dith: „This is a fun song."
Ian: „Yeah. I'm re­al­ly en­joy­ing this. I mean, I don't un­der­stand the ly­rics, but on the dumb straight-​ahead pop side, it's just very plea­sing."

Noch zwei Takes letz­te Stro­phe. Und noch zwei.

Ian: „Okay, let's do one more."

14.​55 Uhr

Jetzt Re­frains. Re­frains. Take um Take.

Dum didi dum didi dum didi dum didi dum di di didi dum dum di di dum di dum di­di­di dum ....

Ju­dith kommt - ver­ständ­li­cher­wei­se - mit den Dums etwas durch­ein­an­der.

Ju­dith: „I didn't find the right place, I have to end on the next ‚dum'."

What dum ex­act­ly?

„Ca­re­ful not to get too barty!", warnt Ian zwi­schen­durch.

Es gibt of­fen­bar von der Band in der Ver­gan­gen­heit ge­äu­ßer­te Be­den­ken, dass das „dum di di dum" im Aus­lauf dann etwas zu sehr nach Feist klin­gen könn­te, weil der Feist-​Song „1.​2.​3.​4" auch so ein ähn­li­ches Outro hat, es han­delt sich um ein Me­lo­die­par­ti­kel, das Jean „the sweet me­lo­dy" nennt. Diese Be­den­ken wischt Ian jetzt ein­fach mal vom Tisch.

Ian: „That's great, ac­tual­ly. De­fi­ni­te­ly some free­sty­lin di­di-​dums. Let's do a coup­le more of these and for­get about Feist. I don't care."

Halb vier

Mit­tags­pau­se.

Fort­set­zung folgt ...

Lesen Sie nächs­tes Mal, wie der ge­frag­te Rock­star Jean-​Mi­chel Tou­ret­te sich zwi­schen­durch woh­li­ge „Er­dung" ver­schafft, warum Pola Roy sei­nen Mit­mu­si­kern heute „Ri­be­ry-​mä­ßig Ge­walt antun" will und warum es un­fair wäre, auf dem Banjo her­um­zu­ha­cken.

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