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Trouble Over Tokyo bei der FM4 Radio Session

Der digitale Rocksturm des Indiehelden

Trouble Over Tokyo ließ bei einer exklusiven FM4 Radio Session ein Elektro-Rock-Gewitter über das Radiokulturhaus hereinbrechen. Mit Gänsehautgarantie.


Mit einem schüchternen "Huhu!" beginnt Toph Taylor alias Trouble Over Tokyo die FM4 Radio Session. Der gebürtige Brite und schon länger in Österreich lebende Sänger und Songschreiber wirkt etwas nervös. Alleine im weißen Spotlight auf der großen Bühne türmen sich hinter ihm Verstärker, ein silbern glitzerndes Schlagzeug, ein Flügel und eine durchsichtige Schallschutzwand. Denn diesmal ist er nicht alleine, um sein neues Album The Hurricane exklusiv vorzustellen, dass erst Mitte Oktober erschienen wird. So erhält er schon vor dem ersten Song einen von seinem Schlagzeuger vom Bühnenrand aus eingeflüsterten Tipp.

"Ich sollte das Plektrum aus den Gitarrensaiten nehmen, bevor ich anfange. Ja das wäre wirklich gut...."

Und schon folgt von freundlichem Lachen begleitet der erste Applaus, noch bevor Toph einen ersten Ton spielt. Sein Selbstbewusstsein kehrt jedoch sofort zurück, als er mit der Gitarre die ersten Akkorde von "Flames Flicker" locker aus dem Handgelenk schüttelt und seine wundervolle Stimme des Sendesaal erfüllt. Er spielt mit dem gesamten Raum, indem er immer wieder vom Mikrophon zurück geht und die kraftvollen Gesangslinien sich unverstärkt ihren eigenen Weg durchs Publikum bahnen können.

Das Eigene und das Fremde

Vor dem Konzert denke ich mir noch, ob Toph Taylor sein neues, exakt durchkomponiertes und sehr aufwändig produziertes Album auch in der Intensität, mit dem Druck und der dichten Klangatmosphäre auf die Bühne zu transformieren mag. Doch schon der Platteneröffnungstitel "Bone" lässt keinen Platz für Zweifel. Bei dieser sehr ruhig beginnenden Nummer singt Toph zu seinem spärlichen Klavierspiel, wobei sich zum ersten Mal ein Cello in den Soundkosmos einschleicht. Unterstützt von vier Streichern, Schlagzeug, Gitarre und Bass erhebt sich "Bone" schlussendlich zu jenem Klanggewitter, von dem das ganze Album "The Hurricane" lebt. Die Harmonielinien der Streicher verzweigen sich, die Becken zischeln über die Köpfe hinweg und zusammen mit dem tiefen, drückenden Bass steht der Trouble Over Tokyo-Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Doch ganz abrupt folgt komplette Stille, die erst nach einer Pause der Verblüffung und kurzem Atemholen vom Publikum mit Pfeifen und Klatschen unterbrochen wird.

Gleich danach stellt sich Toph mit dem Mikrophon zwischen die Leute im Saal, so als ob er sich selbst auf der Bühne betrachten wolle. Auch seine Aufmunterungen, gerichtet an die sitzenden und sehr stillen Fans, scheinen oft ihm selber zu gelten. Wenn ein keckes "relax!" oder "hey, chill out!" über seine Lippen kommt, gilt es wohl seinem quirligen und zappeligen Wesen, mit dem er uns alle von Beginn an sofort geködert hat. Geht es auf "The Hurricane" um den Superhelden, der am Ende seiner langen Reise endlich bei sich selbst ankommt und zum befreiten Menschen wird, so schafft es Toph Taylor mit solch ganz kleinen Gesten, wie dem Wechseln der Perspektive, uns alle zu den Helden dieses musikalischen Abends zu machen. Von diesem Moment an ist das von der Besetzung und Atmosphäre her ungewöhnliche Konzert keine kommunikative Einbahnstraße mehr, bei dem wir nur konsumierend den Künstlern gegenüber sitzen. Vielmehr scheinen alle im Entstehungsprozess der Songs von Trouble Over Tokyo mit einbezogen zu sein.

We Are Family

Mit "Sleepwalker" entladen sich die schweren Elektrowolken endgültig über unseren Köpfen. Krachende Samples, trancige Keyboardlinien und kantige Beats lassen den Raum erzittern, wobei Tophs Stimme durch dieses dichte Soundgeflächt fast nicht mehr durchkommt. Zum ersten Mal wünsche ich mir, nicht hinten auf dem Balkon zu sitzen, bei dem sich hauptsächlich die schrillen, hohen Frequenzen sammeln, die vieles verdecken. Doch es bleibt keine Zeit, hinunter in den Saal zu gehen, denn schon hat mich das kreischende Rockmonster "The Blood" in seinen Bann gezogen, bei dem die ganz zu Beginn des Konzerts besungenen Flammen nun wirklich aus den Röhrenverstärker zu züngeln scheinen.

Das unbändige, rasante Schlagzeugspiel von Garish-Trommler Markus Perner beeindruckt nicht nur durch seine Präzision, die trotz annähender Lichtgeschwindigkeit eingehalten wird, sondern auch durch den gefühlvollen Einsatz der verschiedensten Rhythmikfiguren und schlagtechnischen Varianten. Auch die beiden Velojet-MusikerInnen, Gitarrist René Mühlberger und Bassistin Marlene Lacherstorfer, stellen ihr Können in den Dienst der komplexen und ausgefuchsten Songs, wobei der grandios vorgetragene Titeltrack "The Hurricane" nach einer kompakten und zusammengeschweißten Band klingt, die schon seit langem an ihrer Performance tüftelt. In Wahrheit waren es zwei Proben, wie ich mir sagen lasse. Umso beeindruckender schmiegt sich der geheimnisvolle Glöckchenklang von Renés Akkordzerlegungen ganz natürlich zu den Björk-artigen, geloopten Chorgesängen, während Marlene und Markus den schnellen Beat vorantreiben, der nach dem opulenten Höhepunkt des Songs zu einem witzigen Percussion-Finale ausartet, bei dem alle zugleich auf das Schlagwerk einhämmern.

In manchen Momenten wird klar, dass diese Radio Session auch ein gewagtes Projekt ist. Schließlich spult der Computer unerbittlich seine Samples und Beats ab, die nur partiell von Toph gesteuert werden können. Dazu kommt der organische Sound und die Prägnanz des Schlagzeugs, das auf der Bühne so manche Monitorbox übertönen dürfte, sodass sich kurze Phasen des musikalischen Blindflugs nicht ausschließen lassen. Genau dann, wenn der Bühnensound verebbt, sticht jenes Sample heraus, mit dem der Song begonnen hat. So wird man durch die Vielschichtigkeit, die nicht immer transparent ist, immer wieder überrascht und bleibt verwundert zurück, wie diese Trouble Over Tokyo-Band es schafft, trotz digitalem Korsetts sich derart frei und unbeschwert zu bewegen. Bestes Beispiel ist das epische "Flash Photographs", das die perfekte Synergie zwischen Streichern, Band und Elektronik hörbar macht.

Der Held von Morgen

Was nach all diesen wundervollen Nummern und einem kurzen Abgang in den Backstageraum folgt, ist der "Rock-Teil" des Konzerts, der durch viel Witz, erhebliches Improvisationstalent und unbändige Spielfreude besticht. Was Toph Taylor nach der kurzen Pause ankündigt, klingt im ersten Moment wie das Programm einer Hochzeitsband, doch durch sein verschmitztes Lächeln ist sofort klar, dass hier nicht die Songs von Abba & Co ausgepackt werden. Ganz im Gegenteil laufen einem bei "No Handed" kalte Schauer der Entzückung über den Rücken und der Schlusspunkt "The Liar", bei dem selbst die vier Streicher derart rocken, dass sie ein Lächeln auf ihren Gesichtern tragen, garantiert dem mittlerweile stehenden und tanzenden Publikum ein Gänsehauterlebnis.

Verständlich, dass selbst nach dreizehn Nummern das Klatschen nicht verebbt und sich Toph Taylor gezwungen sieht, eine improvisierte Zugabe zum Besten zu geben. Seine Entscheidung, Talking Heads "Psycho Killer" in einer sehr eigenen, zwischen langsamen Schunkeln und treibendem Funk hin und her wechselnden Version zu spielen, trifft ins Schwarze und hätte mit all dem dargebotenem Charme wohl auch die Kinnladen der "Helden von Morgen"-Jury, die nebenan mit ihrem Chasting beschäftigt war, herunterfallen lassen. Mein Held von Morgen steht nach diesem Abend auf alle Fälle fest.
Christopher Taylor bei der Radiosession im Radiokulturhaus.

Die FM4 Radio Session mit Trouble Over Tokyo wird am 14.10. in der FM4 Homebase ausgestrahlt. Ab diesem Tag ist auch der Videostream für 10 Tage online.

(Foto von Pamela Rußmann, Text erschienen auf fm4.orf.at)

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