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Bunny Lake kosmopolitisch

"Wir gehören von Anfang an zu den kosmopolitischsten Bands in Österreich!"

Bezüglich iTunes existieren wahrscheinlich ebenso viele Klischees wie über Österreich. Andererseits lässt sich damit ganz entspannt auswerten, dass man, musikalisch gesehen, gar nicht mehr so hart druff ist, wie man selbst glaubt. Statistisch habe ich dieses Jahr die meiste Zeit mit BUNNY LAKE verbracht, einer Band, die in 6 Jahren und 3 Alben den Weg vom vielbeachteten Underground "Into The Future" of preisgekrönten genialem Pop bewältigt hat.


Interview: Ivo Klassmann (Bodystyler Electrozine), Foto: Christopher Pirnbacher

Dagegen ist ja mal nix einzuwenden, außer vielleicht der Frage, warum deren ernstgemeinte Tabubrüche hierzulande nur halb so bekannt sind wie Schamlippen-OPs!? Es ist an der Zeit, sich einem Nahkampf mit dem Heerführer der Army Of Lovers auszuliefern.

BODYSTYLER: Servus Christian, momentan ist ja ideales Wetter, um die stimmungsaufhellende Wirkung der Songs vom letzten Album auch ganz real zu testen.
Christian Fuchs: Das momentane Wetter schreit nach weiteren stimmungsaufhellenden Songs. Tatsächlich sind die Winter in Wien, zumindest für mich, nicht so leicht zu ertragen und zusammen mit manchen jahreszeitlich bedingten Kollateralschäden im Freundeskreis eine anhaltende Inspiration.

BODYSTYLER:
Gibt's, rückblickend auf die letzten Monate, schon ein erstes Fazit?
Fuchs: Es war sicher unser turbulentestes Jahr als Band bisher, eine Achterbahnbahrt zwischen absoluter Euphorie und oft auch sehr großer Erschöpfung. Einerseits Momente wie unser Auftritt beim Donauinselfest vor 40.000 Menschen oder auch die unvergleichliche Erfahrung beim Popfest Wien, wo wir in einer lauen Sommernacht im Zentrum der Stadt spielten, mit der Karlskirche hinter uns und einem Publikum, das vor uns im Teich tanzte. Von den Gigs in Moskau und Rom werden wir auch noch lange zehren. Auf der anderen Seite wurde etwa die riesige Lifeball-Show am Wiener Rathausplatz wegen starkem Regen gecancelt. Und das zehn Minuten vor unserer Performance und während Bill Clinton schon auf seine Rede wartete.

BODYSTYLER:
Turbulent ist sicher auch ein Wechsel des Studios: raus aus der Steiermark, rein ins unterkühlte hektische Wien. Darf man das als Selbstversuch versus der Spittelberg / Neubau-Gentrifizierung verstehen oder lauern hier einfach doch mehr Inspirationen gleich um die Ecke?
Fuchs: Die Inspirationen sammelt man im Laufe der Zeit an, die kommen aus allen Richtungen, da ist der Ort des Studios relativ egal. Diesbezüglich sind wir immer noch in der Steiermark verankert. Im Sommer haben wir dort in der Abgeschiedenheit begonnen, erste Songs fürs nächste Album zu schreiben, mittlerweile gibt es schon etliche Demos. Allerdings ist unser Stammproduzent Christopher Just eben von New York wieder nach Wien zurückgezogen und in seinem Wohnzimmer im sechsten Bezirk werden in den nächsten Monaten die Songentwürfe wohl mutieren. Und dann planen wir diesmal, wenn wir es finanziell hinkriegen, auch einen weiteren Producer einzubinden, der dann alles am Ende mixt.

BODYSTYLER: Vor ein paar Wochen hat eure Managerin Katha in der Mica-Music-Austria noch gesagt: "Es ist schwachsinnig für ein Video 10.000 € auszugeben, es ist besser investiert in Partner, die mir über meine Grenzen hinaus helfen können." Und jetzt kommt ihr mit einem Knaller in edlem schwarz/weiß von Modefotografin Irina Gavrich daher. Hattet ihr diesbezüglich Stimmungs-schwankungen oder ist das Video so 'ne fixe HD-Sache mit ner Spiegelreflex-Kamera?
Fuchs: Da hat Katha wohl einige zwiespältige Erfahrungen verarbeitet, die uns allen gemeinsam passiert sind. Wir haben ja unser ganzes Videobudget mit dem Clip zu "1994" verschossen, weil wir da in London gedreht haben und das mit großen Unkosten verbunden war. Dabei gibt es für solche Hochglanz-Clips einfach kaum Kanäle mehr. Und es muss eine Maschinerie dahinterstehen, um sie zu pushen, die wir einfach nicht haben. Bei uns läuft trotz Major alles wie auf einem mittleren Indielabel ab, man muss genau auf die Kohle schauen. Deshalb nerven wir jetzt wieder unsere Freunde mit Anfragen, wie in den Jahren zuvor. Irina Gavrich ist mit uns seit jeher verbandelt und eine gute Freundin unserer Sängerin Suzy. Wirklich teuer an dem Video zu "Army Of Lovers" war die Miete der extrem raren Kameras, ansonsten hat das ganze Team für uns zu speziellen Konditionen gearbeitet. Danke Irina an dieser Stelle! Wir lieben das Video.

BODYSTYLER: War die visuelle Umsetzung von Gefühlen in Slow Motion hierbei eure Idee oder hättest du als Österreichs "Herr der Filme" lieber doch was opulenteres, so etwas wie ein Mashup aus "Possession" und "Ich sehe den Mann deiner Träume" gehabt?
Fuchs: Die Idee stammte von Irina Gavrich, die von Anfang an eher mit Referenzen und Einflüssen aus der Kunstszene und der Fotografie kam. Es ist ja kein typisches Popvideo, sondern hat mit dem Schwarzweiß auch eine gewisse Strenge. Ich habe durch Erfahrung gelernt, dass man sich besser wenig einmischt, wenn ein Regisseur mit einer klaren Vision kommt. Das ist vielleicht überhaupt eine der wichtigsten Erkenntnisse, auch beim Musikmachen und Produzieren: Wenn eine ganz andere, aber sehr gute Idee daherkommt, muss man loslassen lernen, neue Wege miteinschlagen und nicht krampfhaft auf den eigenen Vorstellungen beharren. Mir war bei dem Video nur wichtig, das es nicht bloß dekorativ und stylisch wird, sondern auch Gefühle transportiert.

BODYSTYLER: Thema Transport: Kann es sein, dass euch der deutsche Markt etwas ignoriert, weil man in euren Videos Lipizzaner-Hengste und Balletttänzer sieht und der Piefke dies reflexartig mit einer "Mir san mir!"-Perspektive verwechselt?
Fuchs: Ich denke, eine "Mir san mir"-Perspektive flackert bei Bunny Lake in keiner Sekunde auf. Wir gehören sicher von Anfang an zu den kosmopolitischsten Bands in Österreich. Auf der anderen Seite wäre nichts lächerlicher, als so zu tun, als käme man nicht aus Wien, sondern aus Brooklyn oder London. Also zapfen wir neben internationalen Einflüssen auch das wenige Brauchbare in dieser Hinsicht aus Österreich an. Es gibt bei uns eh kaum eine Rock'n'Roll-Tradition, auf die man zurückgreifen kann. Aber dafür Kunst, Kultur, Falco und weiße Pferde!
Und zum deutschen Markt: Den kapiere ich ja gar nicht. Als extrem anglophiler Mensch leuchtet mir nicht nur die britische Rock'n'Roll-, Indie- und Electro-Szene ein, auch den Chartspop verstehe ich dort. Im Gegenzug habe ich mir heuer extra die Echo-Awards angeschaut, um den deutschen Popmainstream mehr zu begreifen. Aber mir war das alles fremd. Jedes Genre, ob Hip Hop, Metal oder Gothic, hatte dort einen eindeutigen Schlagertouch, jeder Musiker ein supereindeutiges Image, natürlich ist die deutsche Sprache Pflicht. Alles sehr weit weg von Bunny Lake.

BODYSTYLER: Apropos Kunst, Kultur und Mode: habt ihr weiterhin Kontakt zu Kenneth Cole, hat Suzy überhaupt noch Zeit als Model und Stylistin zu arbeiten und warum durften bisher nur die Guys vom Pariser Kitsuné Fashion/Music Label den "Army Of Lovers - JBAG's Hot Pop Edit" auf ihre Ponystep Compilation packen?
Fuchs: Den Kontakt zu Kenneth Cole hoffen wir bei einem New York-Besuch im nächsten Jahr wieder mehr aufzufrischen. Suzy hat sich vom Modeln eher zurückgezogen, arbeitet aber weiterhin als Stylistin und schließt vor allem in naher Zukunft ihr Studium ab. Und die Kitsuné-Jungs waren deshalb so flink, weil Jerry Bouthier von JBAG ja zu deren Posse gehört und der DJ-Hausherr des Ponystep-Clubs ist. Jerry kennen wir schon länger, durch seinen DJ-Kumpel Mark Moore (S-Express), der einer unserer frühesten Förderer war.

BODYSTYLER:
Na, dann fördern wir mal mit, Panade aufs Schnitzel und raus mit den Fakten. Wann genau wird man nun per Single für die "Army Of Lovers" rekrutiert?
Fuchs: Die Single kommt endlich Ende Januar. BODYSTYLER: Sind da endlich die Mixe von DESIGNER DRUGS und POLARIOT drauf, und was genau hat es mit dem noch laufenden Remix-Wettbewerb bei discodemons.net auf sich?
Fuchs: Die Single wird neben den tollen Mixen von Designer Drugs und Polariot eben auch den JBAG-Mix enthalten! Sowie einen atmosphärisch-ruhigen Remix von "Seelenluft" und einen absoluten Electro-Kracher der Linzer Shootingstars A.G. Trio. Der Remixcontest war eine Idee des Blogs Disco Demons, mit dem wir befreundet sind. Es gibt schon sehr viele Einsendungen, die wir gerade durchhören, da ist fetter Stoff dabei. Der Gewinner kommt auf unsere nächste Single im Frühjahr.

BODYSTYLER:
Wenn es noch Grenzen zwischen Indie und Mainstream gibt, dann habt ihr die in alle nur erdenklichen Richtungen letztes Jahr mehrfach überquert. Was war denn 2010 für Euch der „The Beautiful Fall" schlechthin - die Bunny Tour de force im Opel Zafira, der orkanartige Life Ball oder...?
Fuchs: Definitiv der schon erwähnte Lifeball-Auftritt mit Kenneth Cole, der ins Wasser gefallen ist. Das Beatpatrol-Festival spielten wir auch waschelnass im Sturm, in Vorarlberg wateten wir im Schlamm. Ich sag ja immer: Das Wetter, der größte Feind jedes Musikers. Aber Suzy ist da sehr tough, die lässt einen nicht jammern. Also stürzen wir uns jetzt ins nächste Album-Abenteuer.

BODYSTYLER:
Danke für deine Zeit, angenehmen Start ins neue Jahr und vielleicht hast du noch ne positive Botschaft für unsere Leser die auch als guter Vorsatz taugt?
Fuchs: Ein ganz uneitel gemeintes Songzitat: "We will be fucked up but allright, into the future, here we come."

© 2011 // BODYSTYLER Electrozine
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